Joseph Victor von Scheffels 200. Geburtstag

Im späten 19. Jahrhundert war Joseph Victor von Scheffel einer der populärsten deutschen Dichter. Wie kaum ein anderer traf er einen Ton, der vor allem beim Bildungsbürgertum ankam. Heute werden zwar noch einige Lieder Scheffels gesungen, aber sein umfangreiches Werk ist weitgehend unbekannt. Die Burschenschaft Frankonia Heidelberg nahm seinen zweihundertsten Geburtstag im Februar 2026 zum Anlass, an Leben und Werk Scheffels zu erinnern.

Am 21. Februar 2026 trafen sich gut 70 Teilnehmer auf dem Haus der Heidelberger Burschenschaft Frankonia, um den Dichter mit einer Geburtstagssoirée zu ehren. Scheffel war Gründungsmitglied der damaligen Frankonia (II), gehörte zudem der Alten Berliner Burschenschaft an und wurde im Laufe seines Lebens Ehrenmitglied mehrerer weiterer Verbindungen. Mit dem „Zwerg Perkêo“, dem „Schwarzen Walfisch zu Askalon“ und „Alt Heidelberg, du feine“ gelangen ihm einige der beliebtesten Studentenlieder. Das aus seiner Feder stammende Frankenlied, gedichtet in Staffelstein zu Füßen des Staffelberges, das „Land der Franken“ als „Gottesgarten“ feiernd, machte ihn nicht nur an Main und Regnitz unsterblich. Der Refrain „Behüt‘ dich Gott, es wär zu schön gewesen, behüt‘ dich Gott, es hat nicht sollen sein“ aus dem Epos „Der Trompeter von Säckingen“ wurde zu einem geflügelten Wort.

Vor allem, wenn die Verbindung auf den Namen Franconia oder Frankonia hört genießt dieses vielgeliebte Lied des Dichterfürsten Schefel bis auf den heutigen einen ganz besonderen Kultstatus; zeitgenössische Postkarte, rechtefrei.

Ganz vergessen ist Scheffel also nicht, obgleich die andauernde Popularität einiger seiner Dichtungen an seinen einstigen Ruhm mitnichten heranreicht. Gleichwohl findet man, wie Gerhart Berger, einer der Organisatoren der Veranstaltung, ausführte, gerade in Heidelberg einige Orte, die an Scheffel erinnern. Die Stadt hat Scheffel Einiges zu verdanken, ist er doch ein ganz Wichtiger der Vielen, die in Geschichten und Gedichten am Mythos der Burschenherrlichkeit und Studentenromantik webten, der den Namen Heidelbergs in die Welt trug. Einer der schönsten Aussichtspunkte der Stadt, die auf mächtigen Bogen ruhende Scheffelterrasse des Schlossgartens ist ihm gewidmet. Hier stand auch das bronzene Scheffeldenkmal, bis es 1942 eingeschmolzen wurde. Heute erinnert ein von Frankonia gestifteter Gedenkstein an ihn.

Über den Schlosshof kommt man in den Keller, wo das Große Fass steht, das der Legende nach der Hofzwerg Perkeo leergetrunken haben soll. Scheffels Gedicht befindet sich in seinem Buch „Gaudeamus“, einer „Sammlung burschikoser Lieder“, so Harald Pfeiffer in seinem Vortrag. Möglicherweise legte Scheffel in diese Ballade, wie Raimund Lang vermutet, auch seinen Liebeskummer hinein. „Das war der Zwerg Perkêo“ beginnt das Gedicht ganz unvermittelt, wie wenn jemand in einer Runde anhebt, um eine alte Sage weiterzugeben, an „Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß“. Resigniert wendet sich Perkêo von der Welt, dem „Katzenjammerthal“, ab, und zieht sich für den Rest seines Lebens “feucht-fröhlich” in den Keller des Heidelberger Schlosses zurück, um das Große Fass zu leeren, was ihm nach fünfzehn Jahren gelingt und womit er sein Leben beschließt. Perkêo kämpft den Kampf seines Lebens, den Kampf gegen den Durst, den er besiegt, wie David einst Goliath. Die Welt mit ihren „ledernen Ideen“ sei nur „Nebel, Rauch und Dampf“. Das wahre Leben ist aber das „innere Licht“, das ihm erstrahlt, während er seine Lebensaufgabe bewältigt. Das ist keine Humoreske. Es geht um das sich Bewähren und Scheitern an äußeren und inneren Ansprüchen und um das Dionysische als eine die Geschichte der Menschheit begleitende Lebensmacht.

Die pessimistische Haltung, die aus Scheffels Perkêo-Ballade spricht, hängt möglicherweise mit den desillusionierenden Erfahrungen zusammen, die er im Zusammenhang mit der Revolution von 1848/49 sammelte. Klaus-Peter Schroeder machte die Zuhörer in seinem Vortrag mit einer weitgehend unbekannten Seite Scheffels vertraut. Als Legationssekretär des badischen Abgeordneten Carl Theodor Welcker konnte er das politische Geschehen in Frankfurt aus nächster Nähe verfolgen. Das Scheitern der Revolution – zumindest an ihren selbstgesteckten Zielen – und der gewalttätige badische Aufstand im Mai 1849, den er ablehnte, führten Scheffel zu äußerster Skepsis über die politischen Entwicklungsmöglichkeiten Deutschlands:

„Und so sehe ich mit einem wehmütig indolenten Gefühl der Zukunft entgegen, die in Baden wenigstens sehr skrofulös werden wird. Und im großen Deutschland wird auch nichts zustande gebracht. Die Verwerfung der Reichsverfassung trägt ihre Früchte, der alte Dynastienwahn verhunzt das schöne Land, und das Universalheilmittel dagegen, die Republik, ist unmöglich geworden durch ihre eigenen Vertreter, die diesen Begriff allmählich zum Synonymon von Skandal erhoben haben. – So zappeln wir ein paar Jahrzehnte, und dann legt sich Deutschland vielleicht schlafen – und träumt den alten Traum weiter, oder das nicht einmal. Oder es gibt eine große europäische Paukerei – dann sind wir auch wieder der Mensurboden, auf dem sie ausgefochten wird, und kommen zu keiner selbständigen freien Entwicklung!“[1] Diesen Hintergrund muss man kennen, um zu verstehen, dass Scheffels späteres Werk nicht aus Desinteresse an der Politik eher unpolitisch war, sondern aus Enttäuschung über sie.

Scheffel wurde am 16. Februar 1826 in Karlsruhe, der Haupt- und Residenzstadt des Großherzogtums Baden, geboren. Der Vater Jakob Scheffel war badischer Oberbaurat und stammte, ebenso wie die Mutter Josephine, geborene Krederer, aus dem mittleren Schwarzwald. Kunst und Literatur besaßen im Elternhaus einen hohen Stellenwert. Das dichterische Talent erbte Joseph wahrscheinlich von der Mutter, die selbst Gedichte und kleinere Prosa- und Theaterstücke verfasste und sich um die literarische Bildung des ältesten Sohnes kümmerte. Am liebsten wäre der junge Scheffel Maler geworden, doch der Vater drängte zum Jurastudium, für das sich Joseph im Wintersemester 1843 in München einschrieb. Es folgten Studienortwechsel, zunächst Heidelberg, dann Berlin. 1848 legte er, von der Spree an den Neckar zurückgekehrt, sein Examen ab und wurde 1849 promoviert.

Johannes Proelß, Scheffels Biograph, berichtet über das Heidelberger Verbindungsleben zur Zeit Scheffels Folgendes: “Diejenige Verbindung, die sich im Besondern aus Scheffels Landsleuten rekrutierte, das Korps der Schwaben, befand sich auch in einem Zersetzungsprozeß. Eine Reihe älterer Mitglieder […] traten aus und gründeten mit Leuten aus der ‘Albingia’ die ‘Allemannia’, eine Reformverbindung mit burschenschaftlichen Grundsätzen, der sich Scheffel anschloss. […] Bereits Ende Januar 1845 trat in der ‘Allemannia’ eine Spaltung ein. Mehrere der radikalen Richtung angehörende Mitglieder […] traten aus und bildeten den ‘Neckarbund’”.

Scheffel blieb zunächst der Allemannia treu. Aber mit der Politisierung der Burschenschaften scheint er nicht einverstanden gewesen zu sein, weshalb er, wie Proelß berichtet, sich mit einigen Gleichgesinnten entschloss, im Wintersemester 1846/47 Frankonia (II) zu gründen. In dieser Zeit trat Scheffel in Kontakt zum “Engeren Ausschuß”. Dahinter verbirgt sich ein Stammtisch, der von dem liberalen Historiker Ludwig Häusser gegründet und geleitet wurde und im “Waldhorn ob der Bruck” – also oberhalb der Brücke – in Neuenheim tagte. Dem “Engeren” gehörten auch der Ziegelhausener Pfarrer Christoph Schmezer und der Rechtsphilosoph Ludwig Knapp an. Seit 1899 nannte sich die Gaststätte, die nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen wurde, “Scheffelhaus”. Offenbar hatte Scheffel im “Engeren” Geistesverwandte im Sinne “burschikos übermütiger Geselligkeit” (Proelß) gefunden. 1868 bezog er sich in der Liedersammlung „Gaudeamus“! Lieder aus dem Engeren und Weiteren” in Versform auf diese Zusammenkünfte, “[w]o eine treubewährte Freundesschaar / Den Mittwoch in den Donnerstag zu längern / Bei goldnem Rheinwein oft beflissen war.”

Die Scheffelstube im ehemaligen Gasthaus „Waldhorn ob‘ der Bruck“ in Heidelberg, wo Scheffels Stammtisch des „Engeren“ tagte. Kunstverlag Edm. v. König, Heidelberg, rechtefrei.

Die in „Gaudeamus!“ versammelten Lieder sagen etwas aus über den Denkstil Scheffels und seiner Mitstreiter, über die Mentalitäten und die Art des Gesellschaftslebens, das man innerhalb bildungsbürgerlicher, dem Liberalismus zugeneigter Kreise in der Mitte des 19. Jahrhunderts pflegte, einer damals noch sehr schmalen Schicht der Gesamtbevölkerung. Der Stammtisch als Lebensform ermöglichte auch kontrollierte Normabweichungen. Aber vor allem, und das erscheint mir wichtiger, weisen die Lieder, die dort gesungen wurden, auf eine Skepsis hin, die eine Generation erfasst hat, die nicht mehr, wie noch die Romantiker, glaubte, dass die Geschichte eine Antwort auf alle Fragen gibt und die daher desillusioniert alles Historische mit Ironie überzieht. In dem Lied die “Teutoburger Schlacht” (“Als die Römer frech geworden”) lässt Scheffel einen “Rechtscandidaten” auftreten:

“Diesem ist es schlimm ergangen;
Eh daß man ihn aufgehangen
Stach man ihn durch Zung’ und Herz
Nagelte ihn hinterwärts
Auf sein Corpus Iuris.”

Weil die tonangebende Historische Rechtsschule meinte, dass wahrhaftes juristisches Denken nur im römischen Recht erlernt werden könnte, war dessen gründliche Kenntnisse für jeden angehenden Juristen in Deutschland obligatorisch, was von den Betroffenen nicht immer eingesehen wurde. Offenbar schrieb Scheffel sich die Tortur des Römischen Rechts von der Seele. Das Folterinstrument des Corpus Iuris wird nun gegen die Urheber gerichtet, wobei die Ausführung des Racheaktes sinnigerweise gerade in die Hand der Germanen gelegt wird. Doch nicht nur der Römer wird barbarisch zu Tode gebracht, sondern symbolisch mit der Pandektistik eine vermeintliche Glanzleistung der deutschen Rechtswissenschaft.

Als Sujet bleibt Historisches bei Scheffel natürlich allgegenwärtig. Im “Trompeter von Säckingen” verarbeitete er eine sagenhafte Geschichte, die im 17. Jahrhundert angesiedelt ist. Das im Schwarzwald spielende Stück entstand auf Capri. Im Mai 1852 beendete Scheffel seine juristische Laufbahn, die kaum mehr als drei Jahre währte. Zuletzt war er als Sekretär am Hofgericht in Bruchsal tätig. Nun griff er den ursprünglichen Berufswunsch erneut auf und suchte in Rom Kontakt zu deutschen Künstlerkolonien mit dem Ziel, sich zum Maler auszubilden. Doch es stellte sich bald heraus, dass sein Talent hierzu nicht ausreichte – stattdessen entdeckte er seine Berufung zum Dichter und schrieb sein Erstlingswerk. Der Hauptprotagonist des “Trompeter”, Werner Kirchhof, ist ein relegierter Heidelberger Student, der im Pfarrhaus von Säckingen Zuflucht findet. In Heidelberg freundete er sich mit Perkeo an und lernte dessen Trinkphilosophie kennen. Wie kaum anders zu erwarten, stattete Scheffel seinen Helden mit autobiographischen Zügen aus. Die Abneigung gegenüber dem römischen Recht kommt ausführlich zur Sprache, wobei sich Werner damit begnügte, sein Corpus Iuris in einem Heidelberger Leihhaus zu versetzen. Vor allem weiß er von der Schönheit Heidelbergs zu berichten, und wieder überrascht Scheffel mit einer originellen Wortschöpfung: ‘Alt Heidelberg’: “Alt Heidelberg, du feine, du Stadt an Ehren reich”.         

Schauplatz des Romans “Ekkehard” ist die Bodenseeregion, eine “Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert”. 1853 hatte Scheffel mit den Arbeiten an einer rechtsgeschichtlichen Habilitationsschrift begonnen. Während das wissenschaftliche Projekt liegenblieb, gestaltete er den Stoff zu einem historischen Roman um. Besondere Inspirationen gingen von den St. Galler Klostergeschichten aus, die im neunten Jahrhundert aufgezeichnet worden waren. Scheffels Roman hielt sich jedoch kaum an die historischen Fakten und ist größtenteils fiktiv. Er beabsichtigte, wie er im Vorwort erläuterte, die “geschichtliche Wiederbelebung der Vergangenheit”, was durch eine “schöpferisch wiederherstellende Phantasie” erreicht werden sollte. Diese Vorgehensweise verband er mit Kritik am wissenschaftlichen Positivismus. Das bloße Sammeln von Fakten und das Ziehen abstrakter Schlüsse als die in der Wissenschaft zur Zeit Scheffels – wie er meinte – vorherrschende Methode führte zu einer Art ästhetischer Entfremdung des Menschen von der (historischen) Wirklichkeit. Die Aufgabe des historischen Romans sah er darin, die Geschichte wieder lebendig zu machen: so “wachsen [dem Dichter] Gestalten empor, erst von wallendem Nebel umflossen, dann klar und durchsichtig, und sie schauen ihn ringend an und umtanzen ihn in mitternächtigen Stunden und sprechen: Verdicht‘ uns!” Das Jahr seines 200. Geburtstages sollte nicht nur Anlass geben, Scheffels zu gedenken, sondern auch, ihn wieder zu lesen, gerade aus historischer Perspektive. Im Werk des Dichters, der 1886 nur 60jährig an seinem Geburtsort starb, verdichten sich Erfahrungen und Denkweisen von Menschen seiner Generation und seines Standes. Der Humor Scheffels ist hintergründiger, als er bei flüchtiger Lektüre erscheint. Er ist wie der Wein ein Mittel, sich eine Gegenwart erträglich zu machen, die resignativ beurteilt wird: Die enttäuschten Hoffnungen, die in die Möglichkeiten des Politischen gesetzt wurden, die Skepsis gegenüber einer methodenlastigen Wissenschaft, die sich vom wahren Leben entfernt habe, der Verlust der Geschichte als einer sinnstiftenden Macht und die Kompensation dieses Verlustes durch Phantasie, scheinen Tendenzen zu sein, durch die nicht nur das Werk Scheffels, sondern auch sein Zeitalter geprägt ist.

Oliver Mohr


[1] Zitiert nach Prof. Dr. Klaus-Peter Schroeder, Frankoinia Heidelberg.

Schreibe einen Kommentar