Er war einer der bedeutendsten Studentenhistoriker: Harald Seewann aus Graz. Er gab dem überaus faszinierenden, aber ab 1933 schlagartig verschwundenen Milieu des jüdischen Korporationswesens eine Stimme. Ihm übergaben einige der letzten Überlebenden aus dem Kreis der jüdischen Korporierten ihr Couleur und viele Erinnerungsstücke, und er baute eine faszinierende, einzigartige Sammlung jüdischer Studentika auf. Diese Sammlung ist nun im Institut für Hochschulkunde, kurz IfH, in Würzburg angelangt und wird derzeit katalogisiert.

Am 19. Oktober 2023 ist Harald Seewann verstorben. Er war als Studentenhistoriker einer der besten Kenner des jüdischen Couleurs, der Nestor der Historiographie des jüdischen Korporationslebens. Überlebende der Shoa, die im Exil lebten, haben ihn im Jahre 1992 mit der Ehrenmitgliedschaft des IGUL geehrt. Doch nach seinem plötzlichen Tod war lange unsicher, was mit seiner Sammlung geschehen werde – sogar ein Verkauf via Auktionen über Internet-Plattformen wurde erwogen. Schließlich ergriff Sebastian Sigler die Initiative und suchte Kontakt zu möglichen Geldgebern. Dieser Kontakt war entscheidend.
Dank einer durch Sebastian Sigler vermittelten Finanzierung durch die Adam-Haker-Stiftung und war die Trägerin des IfH, die Deutsche Gesellschaft für Hochschulkunde (DGfH), in der Lage, ein Kaufangebot für die Sammlung abzugeben; der Verein für corpsstudentische Geschichtsforschung (VfcG) garantierte eine Zwischenfinanzierung und Dr. Gerd Mohnfeld, der Verbandsvorsitzende des Burschenbundsconventes, half mit einer namhaften Spende.

Das Kaufangebot hatte Erfolg, eine Zerschlagung der Sammlung war abgewendet. Sebastian Sigler reiste im November 2025 nach Graz, um die einzigartigen Stücke abzuholen, doch Christiane Seewann, die Witwe, war erkrankt. So übernahm Thomas Heglmeier, zugleich Vorsitzender der DGfH, im März 2026 den Fahrdienst und holte die Sammlung von Graz nach Würzburg. Derzeit werden die jüdischen Studentika der Sammlung Seewann nun im IfH erfaßt und katalogisiert. Natürlich warten alle Studentenhistorker nun darauf, daß recht bald neue Bilder aller Stücke zu sehen sind.

Und so begann es: Harald Seewann, der seit 1964 der heutigen akademischen Grazer Burschenschaft „Marko-Germania“ angehörte und bereits als Mitgründer des Steiermärkischen Studentenhistoriker-Vereins in Erscheinung getreten war, suchte und fand den Kontakt zum nach Graz zurückgekehrten letzten Senior der bis 1938 in der Stadt bestehenden Jüdisch-Akademischen Verbindung „Charitas“. Seewann, der als Journalist und als Verlagskaufmann beim Regionalblatt „Kleine Zeitung“ tätig war, erkannte sofort, welch bedeutender, bis dahin kaum bekannter Forschungsgegenstand hier schlummerte. Er begann zu recherchieren und wurde in israelischen Sammlungen wie den Central Zionist Archives und der National Library of Israel in Jerusalem oder Beth Hatefutsoth in Tel Aviv fündig. Bald schon verfügte er nicht nur über beste Kenntnisse, sondern auch über eine wachsende Sammlung jüdischer Studentika.
Seinen aus dem buchstäblichen Nichts aufgebaute Kenntnisstand bereitete Seewann in der monumentalen, fünfbändigen Reihe „Zirkel und Zionsstern. Bilder und Dokumente aus der versunkenen Welt des jüdisch-nationalen Korporationsstudententums. Ein Beitrag zur Geschichte des Zionismus auf akademischem Boden“ auf rund 2.400 Druckseiten auf, und die meisten seiner Studentika sind dort auch abgebildet. Dieses zwischen 1990 und 1996 im Eigenverlag erschienene Opus Magnum ist von geradezu einzigartiger Bedeutung und erzeugt bis heute eine Unmittelbarkeit, die über eine minutiös und akribisch zusammengestellte Sammlung von Archivquellen, Dokumenten und Presseberichten weit hinausgeht. Die nunmehr mögliche ausstellung seiner Sammlung in Würzburg wird die Forschungsarbeit wirksam illustrieren, und die Studentenhistoriker aus ganz Mitteleuropa und darüber hinaus freuen sich darauf, die in Würzburg nun zu leistende Arbeit durch den Besuch einer gewiß exzellenten, hoffentlich bald kommenden Ausstellung gebührend würdigen zu dürfen.
Sebastian Sigler


