„Wißt Ihr, wer die Wirtin war …?“ – die „Lindenwirtin“ Aennchen Schumacher

Ein Literat und unzählige Studenten haben eine Wirtin in Godesberg bei Bonn erst zu dem gemacht, was in vielen, vielen Liedern besungen wird zur „Lindenwirtin“. Was als Topos bereits früher bekannt war, manifestierte sich hier, in diesem Gasthaus, das schließlich sogar nach diesem Mythos benannt wurde. Korporierte aus Bonn, quer durch die Dachverbände, haben in Anna Aennchen Schumacher, die das Gasthaus von ihrem allzu früh verstorbenen Vater übernahm, die legendäre Wirtin gesehen – und mit immer neuen Huldigungen verehrt. Professor Raimund Lang geht für den AKSt einem studentischen Phänomen auf den Grund.

Der Mythos

Mit der Godesberger Lindenwirtin verbindet sich die Summe aller schriftlichen und mündlichen Überlieferungen über das wahrscheinlich letzte klassische Studentenlokal.[1] Hier verkehrten über Jahrzehnte die Bonner Korporationen und hier herrschte unter ihnen strenger „Burgfriede“.[2] Kommersieren, Kneipen und Exkneipen gehörte hier zum Tagesgeschäft, und die Herren Studiosi fanden in der Wirtin eine mütterliche Ratgeberin zwischen Prüfungsangst und Liebeskummer. Diese Erfahrungen wirkten lebenslang: Einstige Studenten kamen noch als bemooste Häupter wieder auf Besuch und schwelgten in jugendlichen Erinnerungen. Die Gaststätte wurde zum Topos und steht wie ein aus der Zeit gefallenes Denkmal im heutigen Bad Godesberg für die letzte Epoche, in der das Studententum noch durch das Verbindungswesen dominiert und in dieser Form selbstverständlich akzeptierter Teil des öffentlichen Gesellschaftslebens war.

Das Gasthaus „Zum Godesberg“, später „Zur Lindenwirtin Aennchen“, darüber die Godesburg; Bauzustand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.  

Das berühmte Lied von der Lindenwirtin – „Keinen Tropfen im Becher mehr“ – mag hier vielleicht noch öfter gesungen worden sein als in anderen bierehrlichen Hospizien, hat aber ab ovo nichts mit diesem Haus zu tun. Der Thüringer Rudolf Baumbach (1840 – 1905), seit 1858 Mitglied der Leipziger Landsmannschaft Lipsia, des späteren Corps Thuringia,[3]  schrieb es 1877 und nahm es in seine Sammlung „Lieder eines fahrenden Gesellen“ auf; Franz Abt (1819 – 1885) setzte es 1884 in Töne.[4] Auf spätere Anfragen, welche Gaststätte den eigentlich gemeint sei, erklärte Baumbach mehrfach und eindeutig, es han­dele sich um ein reines Produkt der Phantasie.[5] Die Godesberger Gaststätte hat er nie betreten. Die Gleichsetzung des Ännchens mit seinem schnell populär gewordenen Gedicht wurde erst durch eine auf sie bezogene Zusatzstrophe begründet, die im Sommer 1885 bei einem Philisterstammtisch entstand: „Wißt ihr, wer die Wirtin war, / Schwarz das Auge, schwarz das Haar? / Aennchen war’s, die Feine. / Wißt ihr, wo die Linde stand, / Jedem Burschen wohlbekannt? / Zu Godesberg am Rheine.“[6]

Es war wohl diese Strophe, die Anna Schumacher veranlaßte, ihren bis dato immer vorhandenen Widerstand aufzugeben und sich in das Schicksal der Identifizierung mit der Lindenwirtin des Liedes zu fügen; zuvor hatte sie sich mit der Begründung, sie wäre „nicht so zärtlich veranlagt“, lange gegen die Bezeichnung „Lindenwirtin“ gewehrt.[7] Zu ihrem Schaden sollte es letztlich nicht sein.

Das Gasthaus „Zur Lindenwirtin Aennchen“ – die Schreibweise mit „Ae“ hat sie selbst so gepflogen – steht am heutigen Aennchenplatz, es hat die Hausnummer 2. Das Haus ist, ungeachtet der derzeitigen Schließung, schon längst kein Studentenlokal mehr, sondern wurde bereits seit Jahren und unter wechselnden Pächtern als nobles Restaurant für zahlungskräftige Gäste geführt. Die überaus zahlreichen Bilder und Postkarten an den Wänden berichten indes unverändert von einer hier längst museal gewordenen „alten Burschenherrlichkeit“.

Im Oktober 2015 wurde das legendäre Wirtshaus, in dem die „Lindenwirtin“ Aennchen Schumacher die vorwiegend aus Bonn herbeströmenden Studenten bewirtete, ohne Vorwarnung geschlossen. Und das wenige Tage, bevor die rund 100 Teilnehmer der 75. deutschen Studentenhistorikertagung dort eine Abendveranstaltung mit Vorträgen zur legendären Wirtin und vielen bekannten „Aennchen-Liedern“ abhalten wollten. Der hier nun vorliegende Vortrag von Prof. Raimund Lang musste andernorts gehalten werden, er ist im Tagungsband des AKSt zur Bonner Tagung des Jahres 2015 abgedruckt.

Das Gebäude stammt im Kern wohl aus dem frühen 17. Jahr­hun­dert,[8] erfuhr im Laufe der Zeit zahlreiche Umbauten und nach dem Zweiten Weltkrieg auch kosmetische Eingriffe, ehe es im Februar 1971 wegen städtischer Baumaßnahmen – es ging um die Errichtung der City-Terrassen – abge­tragen werden mußte.  Der ortsgeschichtlichen Bedeutung wegen baute man es aber 1974 nur wenige Meter weiter wieder auf. Von der einstmals verträumten Lage inmitten alter Lindenbäume ist spätestens seitdem freilich nichts mehr zu spüren.

Vom Original ist nicht mehr viel übrig: das mehrfach umgestaltete und auch um einige Meter versetzte Gasthaus im Spätsommer 2015, wenige Wochen vor seiner bis dato andauernden Schließung. Bild: Sigler

In seiner ursprünglichen Form diente das Anwesen mit seinen Anbauten landwirtschaftlichen Zwecken, dem später, aber noch im 18. Jahrhundert, ein Gasthaus angeschlossen und zu diesem Zweck ein Saalbau hinzugefügt wurde. Dieses „Gasthaus zum Godesberg“ mit Grundbesitz kaufte nach der Franzosenzeit Peter Rieck, dessen Sohn Johann Josef Rieck Land- und Gastwirtschaft übernahm. Nach seinem Tod im Jahre 1858 heiratete seine Witwe im Jahr darauf Wilhelm Schumacher, der 1878 verstarb. Dieser Ehe entstammte die Tochter Anna, die sich nach des Vaters Tod zusammen mit ihrer Halbschwester Gertrud Rieck, einer Tochter aus der ersten Ehe, um die Erhaltung des Betriebes bemühte. 1891 kauften die beiden ihrer Mutter das Anwesen ab, nannten es nun „Zur Lindenwirtin“ und führten es in Eigenverantwortung weiter.

Die alten landwirtschaftlichen Hintergebäude wurden nun abgerissen – übrigens mit Hilfe von Bonner Studenten, die schon damals als Gäste in dem Haus verkehrten  –, neue sanitäre Anlagen wurden ein- und ein moderner Speisesaal angebaut. Durch Zukauf von Grund konnte ein Gastgarten geschaffen und Bäume gepflanzt werden – dem Hausnamen zum Trotz waren es Kastanien, doch gab es auch einen Lindengarten. Nach und nach entstanden durch Unterteilung des großen Saales und durch Zusammenlegung und Umwidmung der alten Fremdenzimmer die Gasträume, die als Kneipstuben in die Bonner Studentengeschichte eingingen: die beiden „Ahnengalerien“, nach dem Bildschmuck an der Wand, der „Kuhstall“, von wo aus man die Kühe brüllen hörte, und der „Kälberstall“, weil die Studenten hier so fröhlich waren wie junge Kälber, sowie das „Kegelbahnzimmer“, der „Billardsaal“ und der neu gebaute „Lindensaal“. Zwei weitere Gastzimmer hatten keine Namen, aber insgesamt sieben Räume waren mit einer Bierorgel ausgestattet! Kneipbedingten Sekundärzwecken diente eine eigene „Bierleichenkammer“.

Fassadenmalerei mit altem Wirtshausdatum, aber aus den 1970er Jahren: ein Chargierter der Bonner Burschenschaft Frankonia.

Die heutige Fassadenmalerei entstand dagegen erst nach dem Wiederaufbau des Gasthauses nach seiner Versetzung Mitte der 1970er Jahre und zeigt seitlich, wie an einem Wallfahrtsort, ein Jugendbildnis von „Aennchen“, über der Eingangstür einen Chargierten der Burschenschaft Frankonia Bonn [9] und über dem Fenster rechts daneben deren Wappen mit dem Wahlspruch „Freiheit, Ehre, Vaterland!“

All diese Strukturen sind längst nicht mehr vorhanden. Schon 1920 verkauften die Schwestern das Haus an den Männergesangsverein „Caecilia“ und 1924 wurde der zugebaute Festsaal wieder geschleift und die Bäume des Gartens gefällt. Ab den 1970er-Jahren führte die Gastronomiekette „Weinkrüger“ das Haus als reines Weinlokal, 1986 trat der Wirt Hans Hofer an deren Stelle, von dem es 2001 Holger Klagge übernahm, der dann im September 2015 die Schließung verfügt hat.

Am 22. Januar 2010 war Aennchens 150. Geburtstag Anlaß für eine posthume Ehrung. Anfangs war an die Errichtung einer Aennchen-Statue gedacht, schließlich entschied man sich für eine bronzene Gedenkplatte an der Hausfassade, die von Heinrich Junkersdorf, dem heutigen Hauseigentümer, gestiftet wurde. Sie zeigt eine mächtige Linde, zu deren Linken Aennchen zwei Studenten Wein kredenzt, während sie zur Rechten das Piano bedient. Geschaffen hat diese Darstellung der aus Leipzig gebürtige Künstler Ernemann Friedrich Sander, geboren 1925, der im Jahre 1955 nach Bonn übersiedelte und heute, hochbetagt, in einem Seniorenheim bei Bonn lebt.[10]

Die Wirtin

Anna Sibilla Schumacher wurde nach ihren eigenen Angaben am 24. Januar 1860, laut Godesberger Geburtsregister jedoch schon am 22. Januar, aus der zweiten Ehe ihrer Mutter Gertrud (1817 – 1900) mit dem Förstersohn Wilhelm Schumacher (1828 – 1878) geboren; die Mutter war bei ihrer Geburt immerhin 42 Jahre alt. Zu den zehn Halbgeschwistern der ersten Ehe kam im Jahr darauf noch der Bruder Josef. Fotos aus ihrer Kindheit zeigen ein stämmiges, selbstbewußtes, ansehnliches, wenngleich nicht allzu hübsches Mädchen mit dunklen, etwas melancholischen Augen. Schon früh erwies sich ein musikalisches Talent, so daß ihr neben der obligaten Erziehung zu hausfraulichen Tätigkeiten auch Klavierunterricht zugestanden wurde, worin sie ihrem jüngeren Bruder nacheiferte. Ab dem zwölften Lebensjahr verbrachte sie die letzten beiden Schuljahre als Externe in einem Mädchenpensionat, was sowohl ihrer musikalischen Fortbildung zugute kam, als auch ihre Umgangsformen und ihre Gewandtheit förderte. Ihre schulischen Leistungen schätze sie selbst später als mittelmäßig ein.

In den elterlichen Betrieb war sie hineingeboren, sie betrachtete ihn als einen Teil von sich. Noch als Schulmädchen erlebte sie den Besuch von Studenten, mit denen sie gelegentlich ihre Betragenszensuren diskutierte – Backfischscherze als Studentenulk. Andererseits wurde sie früh mit dem sogenannten Ernst des Lebens betraut: Bedingt durch die Krankheit des Vaters übernahm sie schon während der Schulzeit die Führung der Buchhaltung und half bei Bedarf in der Landwirtschaft aus. Offenbar war sie nicht nur tüchtig, sondern auch ehrgeizig. Sie strebte nach Weiterbildung mit dem Ziel des Lehrberufs, nahm Privatunterricht und wurde schließlich an ein Seminar in Bonn empfohlen, aber die Anforderungen im elterlichen Betrieb machten alle Perspektiven zunichte. 1878 starb der Vater, kaum 50 Jahre alt, womit die 18jährige notwendigerweise – und endgültig – zur treibenden Kraft des Hauses wurde.

Aennchen Schumacher im Alter von 17 Jahren, also wenige Monate, bevor sie das Godesberger Gasthaus übernahm.  

Sie begleitete die singenden Studenten am Klavier, machte sich mit deren Sprache und Sitten vertraut, bildete erste Freundeskreise, wußte aber auch den gebührenden Abstand zu halten. Die Autorität, die sie schon in frühen Jahren gewonnen hatte, ging weit genug, um auch den interkorporativen Burgfrieden durchsetzen zu können. Erste Gedichte und Musikstücke wurden ihr gewidmet, Buchgeschenke vermittelten ihr die Kenntnis des bürgerlich-litera­rischen Bildungskanons ihrer Zeit, daneben vervollkommnete sie sich mit Hilfe von Freundinnen in den Handarbeiten und lernte obendrein noch kochen.

Anna Schumacher – von den Gästen, vor allen den studentischen, längst Aennchen gerufen – lernte alle Seiten ihres Handwerks von der Pike auf. Eine lebenslange Gefährtin hatte sie in ihrer um zehn Jahre älteren Halbschwester Gertrud Rieck (1850 – 1921), genannt Träudelchen, mit der sie im Dezember 1891 gemeinsam das Gasthaus erwarb, ausbaute und führte, wobei letztere zur Herrscherin über die Küche wurde, während Aennchen sich ganz der Betreuung der Gäste verschrieb. Erst jetzt erhielt das Haus den Namen „Zur Lindenwirtin“.

Warum keine von beiden eine partnerschaftliche Bindung einging, darüber bleibt es müßig zu philosophieren. An Angeboten hat es bestimmt nicht gemangelt, und ebenso wenig an weiblichem Charme. Vielleicht fehlte es einfach an dem Richtigen, oder es schreckten die Studenten zuweilen doch ein wenig, vielleicht wogen auch die ererbten und letztlich erworbenen Verpflichtungen zu schwer, um Freiraum für eine eigene Familiengründung zu lassen – rückschauend ist das belanglos. Anna Schumacher hat jedenfalls ihre Rolle fürs Leben gefunden.

Das mag vielleicht ein wenig kitschig klingen, trifft aber die Gegebenheiten: Die zur Lindenwirtin gewordene junge Rheinländerin wurde zur Institution und fühlte sich dabei sichtlich wohl. Sie muß über ein besonderes Charisma verfügt haben, denn all ihre Tüchtigkeit, ihre Kompetenz in sämtlichen den Gastbetrieb betreffenden Bereichen und ihre Verantwortlichkeit und Disziplin erklären nicht hinreichend die Generationen überdauernde und die halbe Welt umspannende Zuwendung und Bewunderung. Zweifellos hatte sie die Gabe der Empathie, vermochte sie auf ihre Gäste in einer ganz persönlichen Weise einzugehen. Und zu alledem besaß sie wohl auch jene Art von genuiner Mütterlichkeit, die allein Heilung verspricht und Linderung garantiert, wenn die prachtvollen Helden der Paukböden, die trinkfesten Ritter der Kneiptafeln und strahlenden Eroberer der Mädchenherzen gelegentlich auf ein Bündel ratloser Jugend zusammengeschmolzen sein mochten.

Aennchen mit Weinzipfelbund – Photographie aus dem Jahr 1929, in dem sie auch ihre Biographie veröffentlichte.  

Da Aennchen das Spiel auf der Bierorgel beherrschte, wurde sie von der reinen Gastgeberin auch zur aktiven Mitgestalterin der studentischen Kneipen. Folglich wurde hier Wirklichkeit, was Wilhelm Meyer-Förster[11] etwa zeitgleich in seiner Fiktion von „Alt-Heidelberg“ wirkungsvoll ausgeschmückt hat: Man verlieh ihr Farben. Zumeist waren es kleine Wappenschilder, die sie nach und nach zu einer Halskette zusammenfügen ließ, aber auch Sektspangen, Zipfel und sogar Bänder. Sie selbst erzählt, daß ihr fünf Ehrenmitgliedschaften,[12] zwei Altherren-Diplome und „eine Reihe“ von Couleurbändern verliehen worden seien – zur Zeit des späten Kaiserreiches und des ungebrochenen Zaubers der Montur war dies für die Herren der Schöpfung ein gewaltiger Sprung über ihre mächtig ausladenden Schatten.

Mag das alles für die in Saft und Kraft stehenden Musensöhne pure Idylle gewesen sein, so war es für die Wirtin auch harte Arbeit samt verhohlenen Sorgen. Der Betrieb lief zwar gut, aber die Erhaltung der historischen Substanz verursachte ständige Kosten und häufig waren private Kredite abzuzahlen. Dann kam der große Krieg, der das Ende des alten Europa bedeutete. Kanadische Truppen wurden in Godesberg stationiert; sie nahmen das Gasthaus als Quartier in Beschlag. Sie blieben eineinhalb Jahre,[13] und kaum ein Gast, erst recht kein Student, verirrte sich mehr hierher. Dazu kam, daß Gertrud, die Schwester, schwer erkrankte und weder körperlich noch seelisch den Anforderungen gewachsen war. So entschlossen sich die beiden Damen zum ultimativen Schritt: dem Verkauf des Hauses im Jahre 1920, dem 1923 dann der Totalverlust alles Ersparten durch die Inflation folgte.

Anna Schumacher war zu Kriegsende 58 Jahre alt. Sie zog in eine Wohnung in der Friesdorfer Straße 3, keine 300 Meter von ihrem Stammhaus entfernt, dessen weitere Entwicklung sie mit einer gewissen Bitternis verfolgte.[14] Die Bilder aus dieser Zeit zeigen eine stattliche, stolze, vielleicht ein wenig nachdenklich wirkende Frau – aber die etwas traurigen Augen haben schon die Jugendbilder geprägt. Hier richtete sie sich ein laut Augenzeugen „gemütliches“ Heim ein, führte ihren kleinen Verlag, über den sie Studentenlieder und ihre Lebenserinnerungen publizierte, pflegte einen reichen Postverkehr und war zahlreichen Besuchern eine so freundliche wie dankbare Gastgeberin. Hier blieb sie auch, was sie den längsten Teil ihres Lebens war: Studentenmutter und guter Geist von ganz Godesberg. Die Stadt dankte es ihr am 22. Jänner 1935 zum Anlaß ihres 75. Geburtstages mit Verleihung der Ehrenbürgerschaft – als erster und bis heute einziger Frau dieses Gemeinwesens.[15] Nur fünf Wochen später war jedoch ihr Tod zu beklagen. Hunderte Godesberger und viele, viele farbentragende Studenten folgten ihr auf ihrem letzten Weg, hinauf zum Gottesacker vor der Godesburg. Ein reiches Leben, gewiß, mit viel Einsatz und beidseitiger Zuwendung. Ob sie im Innersten trotzdem einsam war? Wir wis­sen es nicht. Wir können ihre spezielle Ausstrahlung nur nachlesen und nacherzählen – nachfühlen können wir sie nicht.

Der Bruder

Zu Unrecht in Vergessenheit geraten: Aennchens Bruder Josef, Komponist zahlreicher Melodien für das Aennchen-Liederbuch.   

Blieben die Schwestern des Lindenwirtshauses auch unvermählt, so gab es in dieser von Frauen gestalteten Wirtschaft doch einen Mann – allerdings konnte er in dieser speziellen Erinnerungskultur kaum Kon­turen bewahren. Es war Josef Schumacher, Aennchens Bruder. Die erhaltenen Fotos zeigen ein massiges Gesicht, das von einem modischen Schnurrbart beherrscht wird, und ver­mitteln den Ein­druck eines untersetzten, gemütlichen Biedermannes. Er war mit geschäftlichem Talent begabt und mit einer robusten Gesundheit gesegnet, erreichte ein beträchtliches Alter und rühmte sich noch anläßlich seines 90. Geburtstages, niemals die Hilfe eines Arztes in Anspruch genommen zu haben.

Josef, 1861 geboren, war nur ein Jahr jünger als Anna. Sie war schon in Kindertagen von seinem Klavierspiel so begeistert, daß sie schließlich eigenen für ihn Unterricht durchsetzte. Natürlich spielte auch er schon früh für die Studenten und erlernte damit ihr Repertoire, das er später kreativ bereichern sollte. Er war von ausgeprägter Geselligkeit; große Trinkfestigkeit sah als eine Grundlage seiner Lebenskraft an. Seinen eigenen Weg suchte er aber außerhalb des Godesberger Gastbetriebes, den er bei den Schwestern in besten Händen wußte. Er heiratete 1889, kaufte ein Haus in Bonn und baute es zum Hotel aus. Später verkaufte er es wieder, um sich abermals in Godesberg niederzulassen, wo er an der neu angelegten Bürgerstraße ein Geschäftshaus bauen ließ und darin einen Klavierladen einrichtete, den er bis ins hohe Alter selbst betrieb.[16] 1945 starb seine Frau Barbara, die er noch um zehn Jahre überlebte. Die ärztliche Verweigerung hielt er bis zuletzt aufrecht: Zu Fall brachte ihn nicht organische Schwäche, sondern eine unaufmerksame Radfahrerin; im September 1955 starb er an den Folgen eines im Straßenverkehr erlittenen Oberschenkelhalsbruches .[17]

Über Josef Schumachers Bildungsgang ist uns nichts überliefert, auch nicht, ob er bei einer Verbindung aktiv wurde. Fest steht nur, daß er Jahre später Kontakt zur Kölner Burschenschaft Baldur fand,[18] die ihm die Ehrenmitgliedschaft verlieh.[19] Im schwesterlichen Wirtshaus war er nicht nur als Bierorgler hoch geschätzt, sondern auch als Komponist. Er vertonte zahlreiche studentische Texte, so daß sein Name im Aennchen-Liederbuch nicht weniger als 58mal genannt ist, was immerhin zwölf Prozent aller darin enthaltenen Lieder entspricht.[20]

Viele der von ihm vertonten Gedichte variieren studentische Themen. So finden wir darunter Titel wie „Der wilde Bursch“, „Die Erschaffung des Studenten“,  „Eine Mütze auf dem Schädel“, „Des Studenten Sehnsucht“ oder „Fuchsenglück“. Mit „Pax im Kälberstall“ wird das Lindenwirtshaus mit seinen Kneipklausen selbst zum Ort musischer Verherrlichung. Von ihm stammt auch eine eigene Weise zu Josef Buchhorns „Studentenhymne“ – Student sein, wenn die Veilchen blühen –, womit er Otto Lobs berühmt gewordener Melodie immerhin eine interessante Alternative gegenüberstellte.[21]

 Auch zwei eigene Dichtungen, darunter den „Bierwalzer“ mit der Titelzeile „Wir sind lust’ge Brüder …“ hat Schumacher in Töne gesetzt; sein bevorzugter Autor war aber Kurt Janssen, der reimgewaltige Bundesbruder vom Kölner Baldur. All diese Texte und Weisen, auch wenn sie nicht der Hochkultur zuzurechnen sind, bilden die Summe eines höchst aktiven Geselligkeitsgefühls und bezeugen eine ursprüngliche Lust und Begabung zu jenem gemeinschaftlichem Schöpfertum, das – auch zum Nachteil korporativen Zusammenlebens – mit zunehmender Entfaltung unserer Medienlandschaft spürbar verkümmert ist.

Das Kommersbuch

Während das örtlich verschobene Gasthaus eine Art Kulisse der Erinnerung geblieben ist, kann Aennchens publizistische Tätigkeit dokumentarischen Anspruch erheben. Zu danken ist dies ihrer Musikalität. Als pianistische Begleiterin des Studentengesangs war sie natürlich auch eine eifrige Sammlerin geeigneten Liedgutes, das sie anfangs zu Potpourris zusammenfaßte. Die Texte für die Kommilitonen vervielfältigte sie mühsam per Hand, bis sie dazu überging, bei einer benachbarten Druckerei Blätter und kleine Sammlungen herstellen zu lassen. Anfang des Jahrhunderts gründete sie einen eigenen Verlag und ließ darin 1903 ein erstes Taschenkommersbuch erscheinen. Diesen Typus hatte schon vor der Jahrhundertwende der Leipziger Reclam-Verlag geschaffen.

Über die Auflagehöhen und -zahlen fehlen zwar Unterlagen, doch können wir von diesem „Kleinen Kommersbuch“ nicht weniger als 45 Auflagen nachweisen. Auch eine Klavierausgabe gab Aennchen heraus, die fachlich von Theo Schumacher, einem Bonner Musikprofessor mit zufälliger Namensgleichheit, betreut wurde; davon liegt letztlich eine undatierte „50. Jubiläums-Ausgabe“ vor.[22] Dazu war es möglich, einige Lieder auch auf Einzelblättern zu erwerben.

Zum Klassiker geworden: Die erste Auflage des mit Melodien versehenen Aennchen-Kommersbuches.  

Nach dem Verkauf der Gaststätte wurde ihr der Verlag zu einer hilfreichen Einnahmequelle. 1922 erschien eine Sonderauflage mit 65 Liedern aus dem Kleinen Kommersbuch, und 1924 gelang ihr endlich der ersehnte große Wurf: ein richtiges, kneiptafelgerechtes Kommersbuch mit Biernägeln: „Illustriertes Kommers-Buch – Aennchen Liederbuch. Große Textbuch-Ausgabe“, von dem es zwar redaktionell nur eine Auflage, aber viele unterschiedliche Ausführungen der Einbände gibt. Dieses Buch ist die eigentliche Fundgrube des Aennchen-Nachlasses – mit 468 Liedern und zahlreichen graphischen und photographischen Illustrationen, darunter nicht weniger als 17 Porträtbildern von Dichtern und Komponisten, die größtenteils Raritäten darstellen.

Am Beginn von Aennchens verlegerischer Arbeit steht ein enger Kontakt mit dem Komponisten Otto Lob (1854 – 1908), der ihr hilfreich und freundschaftlich verbunden war. Nach dessen Tod entzog ihr aber der Schauenburg-Verlag, wohl eine ernste Konkurrenz für sein „Allgemeines Deutsches Kommersbuch“ befürchtend, viele Rechte, sogar die Weise des Liedes von der Lindenwirtin durfte sie zeitweise nicht mehr reproduzieren. Gerade diesem Umstand ist es aber zu verdanken, daß letztlich eine Sammlung von höchster Originalität entstand, denn Aennchen behalf sich, indem sie die musisch Begabten ihrer Gäste zu neuen Kreationen ermunterte. So finden wir in ihrem Kommersbuch die meisten Vertonungen der Gedichte Josef Buchhorns – 14 an der Zahl –, aber auch etliche neue Texte rheinischer Autoren, die zum Teil Stadt und Landschaft besingen, zum Teil auch studentisches Lebensgefühl wiedergeben. Besonders interessante Vergleiche bieten die Neukompositionen von „Wir lugen hinaus in die sonnige Welt“ und „Wütend wälzt’ sich einst im Bette“ durch Wilhelm Arendt, aktiv bei der Bonner Landsmannschaft Salia, ferner jene von „Was die Welt morgen bringt“ durch Edmund Saltin sowie eine neu geschaffene Melodie zu „Keinen Tropfen im Becher mehr“ durch Walter von Gaffron, der diese Weise ausdrücklich der „Lindenwirtin zu Godesberg“ widmete.

Wilhelm Arendt ist übrigens der fruchtbarste Komponist dieses Buches: Mit 79 Liedern übertrifft er Josef Schumacher bei weitem. 28 davon sind Vertonungen von Hermann-Löns-Ge­dichten, der damit zum führenden Textautor des Buches wurde und offenbar Aennchens besondere Zuneigung besaß. Knapp gefolgt wird er von Kurt Janssen und Wilhelm Uhde mit jeweils 26 Texten, wobei Janssen viele, Uhde fast nur studentische Inhalte verarbeitete. Uhde (1868 – 1917), der sich oft hinter dem Pseudonym Zoch verbirgt, hat auch als Komponist neun Werke beigetragen. Unter den besonders zahlreich vertretenen Autoren ist noch der Historiker und Philologe Gottfried Kentenich (1873 – 1939) zu nennen, von dem 14 Kompositionen und fünf Gedichte enthalten sind.

Aennchens Vertonung von Otto Kamps populärem Text „O wonnevolle Jugendzeit“

Einen besonderen Blick verdienen natürlich Aennchens eigene Kompositionen – ja, auch solche hat sie hinterlassen. Vier davon finden sich in ihrem Kommersbuch; da ist zunächst Scheffels Rodenstein-Lied „Und als der Herr von Rodenstein zum Frankenstein sich wandte“ unter dem Titel „Der Willekumm“. Sodann ein Städtelied „Das Glück zu Bonn“ auf einen Text von Wilhelm Uhde, der mit den Worten „O Bonn, du hochgepriesne Stadt“ beginnt. Auch das mit „Zupfgeigenlied“ betitelte „Brüder, reicht die Fiedel her“ des Bonner Franken Otto Dannehl vertonte sie; Dannehl sollte später vor allem durch seinen Carl-Schurz-Roman „Ein deutscher Kämpfer“ bekannt werden. Besonders reizvoll ist natürlich eine Vertonung der „Filia hospitalis“ mit der Eingangszeile „O wonnevolle Jugendzeit“, das von dem Bon­ner Professor Otto Kamp (1850 – 1922) stammt, der Mitglied der Bonner Burschenschaft der Norddeutschen war.[23]

Eine große Anzahl der Lieder ist mit Widmungen versehen, die meisten davon an Aennchen selbst gerichtet, einige aber auch an Personen jenes Kreises, der für viele Jahre zu den Stammgästen des Lindenwirtshauses zählte. Die schönste Widmung formulierte der eben genannte Otto Kamp. In Anspielung an sein Lied „Aura academica“ (Freunde, trinkt in vollen Zügen …), das übrigens für das Aennchen-Kommersbuch auch eine eigene Vertonung durch Wilhelm Arendt erfahren hat, verfaßte er folgenden Vers, der die Annaphorie des Lindenwirtshauses vor hundert Jahren am trefflichsten wiedergibt: „Die Aura habe ich geschrieben, / Doch ist der Titel nicht geblieben, / Heut’ singet alles fern und nah: / O, Anna academica!“[24]

Es gibt jedenfalls kein zweites studentisches Liederbuch dieses Umfangs, das so eng mit einer bestimmten Stätte, einer begrenzten Epoche und konkreten Personen verbunden ist. Und es ist mit seinem Erscheinungsjahr 1924 bereits selbst nostalgisch überschattet, denn um diese Zeit war Aennchens so befruchtende Gaststätte bereits verkauft und die alte Lindenherrlichkeit verklungen.

Die Biographie

Aennchens „Godesberger Kommersbuch-Verlag“ beschränkte sich aber nicht allein auf die verschiedenen Varianten des Kommersbuches. Es erschienen auch allerlei Postkarten mit Aennchens Konterfei und der Ansicht ihres Hauses sowie Liedkarten. Leider undatiert ist eine Ausgabe der Lyrik von Kurt Janssen – dem oben genannten Freund und Bundesbruder Josef Schumachers – unter dem Titel „Von Jugend-, Sonnen- und Regentagen“, die 270 Seiten umfaßt. Vor allem aber sind es Aennchens Lebenserinnerungen, die sie 1929 vorlegte und die bis heute die primäre Quelle zur Einschätzung ihrer Persönlichkeit bilden.

Ihre Autobiographie verlegte Aennchen Schumacher im eigenen Verlag

Unter dem Titel „Biographie von Aennchen Schumacher Go­desberg genannt ‚Die Lindenwirtin’“ schildert sie auf 180 Seiten, gegliedert in 26 kei­neswegs immer chronologische Kapitel, ihren Weg vom braven Wirtstöchterlein zur weltbekannten Studentenmutter. Persönliche Berichte, Zitate, Anekdoten, Erzählungen von Freunden und Gä­sten, garniert mit Liedern und Gedichten wechseln einander ab, und wie im Kommersbuch ist reiches Bildmaterial beigefügt. Sogar ein „G.-St.Marsch“ ist wiedergegeben, was für  „Godesberger  Studenten-Marsch“ stehen dürfte. Leider ist Aennchen mit den biographischen Angaben anderer Personen sehr karg – was freilich eine typische Klage der Nachgeborenen ist und der Autorin zum Teil nachgesehen werden muß. Denn daß sie die Lebensdaten zahlreicher Personen, die auch als Dichter und Komponisten im Kommersbuch erscheinen, schuldig bleibt, erklärt sich daraus, daß diese zur Zeit der Niederschrift noch mehrheitlich um sie waren. Allerdings geizt sie auch mit der Nennung von Vornamen, Berufen und Korporationsmitgliedschaften oder nennt nur die Fachrichtung, ohne einen Namen beizufügen. So wissen wir von besagtem Marsch zum Beispiel nur, daß sein Verfasser Philologe war! Für heutige Rechercheure bildet die Aennchen-Bio­graphie ein weites, fruchtbares, teils noch unbeackertes Feld. Persönlich darf ich die Vermutung anfügen, daß der genannte Gottfried Kentenich als der „Hauptverdächtige“ für die Urheber­schaft des „G.-St.-Marsches“ zu gelten hat.[25]

Dennoch ist am Wert dieser Schrift nicht zu zweifeln. Gerade die mangelnde Systematik gibt ihr etwas Spontanes, erinnert manchmal an Tagebuchblätter und Artikelsammlungen, die durch verbindende Texte in einen Zusammenhang gebracht werden. Liebenswert einfach ist auch Aennchens Stil, der durchaus Stolz auf das Lebenswerk erkennen läßt, ohne jemals in Eitelkeit abzugleiten. Voller Herzlichkeit berichtet sie über viele der Menschen, mit denen sie Kontakte pflegte, und nur mit Noblesse äußert sie dann und wann diskrete Kritik. Das gewinnende Wesen, das dieser Frau zu eigen gewesen sein muß, wird aus diesen Texten spürbar. Breiten Raum räumt sie den Jahren des Ersten Weltkriegs ein, besonders dem Leid der Kriegsheimkehrer, wobei sowohl ihr patriotischer Sinn, als auch ihr samaritanes Herz durchklingen. Es ist eine voller Liebe geschriebene Rückschau mit mehr als nur einem Quentchen Wehmut. Und die Autorin behält letztlich einiges für sich, das der Leser wirklich gern erfahren hätte. Sie läßt sich nicht völlig auf den Grund schauen und vermerkt auch selbst, daß in ihrer Lebensgeschichte „manches unklar bleiben und manche Frage nicht beantworten werden“ soll.[26]

Der Kult

Der „Kult“ um das Godesberger Aennchen setzte bereis zu ihren Lebzeiten ein. Zu literarischen Ehren kam sie im Jahre 1896. Damals veröffentlichte der aus Bonn stammende Schriftsteller und Journalist Wilhelm Ruland (1869 – 1927), der allerdings nicht zum Godesberger Gästekreis gehörte, erstmals sein ein Jahr zuvor in der österreichischen Steiermark abgeschlossenes Versepos „Aennchen von Godesberg“, das er als „Rheinlands-Sang aus unseren Tagen“ untertitelte. Die so Geehrte wußte davon nichts und erfuhr davon erst aus der Presse, sie war darüber eher konsterniert und überlegte gar rechtliche Schritte. Letztlich aber gefiel ihr die Geschichte, und einige Jahre später kam es auch zu einer herzlichen, freundschaftlichen Begegnung der beiden, stilecht in ihrem Godesberger Gasthaus.[32]

Schon im Jahr 1904 war Aennchen im Kölner Rosenmontagszug ein eigener Festwagen gewidmet: „Die Godesburg mit der Lindenwirtin“ – die weitgehend aus Studenten und Akademikern bestehende Karnevalsgesellschaft „Fidele Geister“ zeichnete verantwortlich, sie ist übrigens nicht identisch mit der gleichnamigen Gesellschaft von heute. Der Ruf der besonderen studentenfreundlichen Atmosphäre ihres Hauses verbreitete sich – auch dank dem einsetzten Tourismus – nun immer rascher, und bald tatsächlich auch international. Belege für diese globale Berühmtheit sind ungezählte Post- und Ansichtskarten, die ihr aus allen Erdteilen zukamen und deren originellste bereits in der Biographie von 1929 abgedruckt sind. Viele davon werden auch an den Wänden der derzeit geschlossenen Gastronomie ausgestellt. Ihre korrekte Zustellung trotz oft nur rudimentärer Adressen beweist aber auch den enormen guten Willen und die detektivische Überlegenheit damaliger Postbeamter gegenüber vielen ihrer Kollegen aus dem Computerzeitalter. Als Beispiel sei genannt die Anschrift:  „An die Mutter der Studenten in der Nähe der Musenstadt am Rhein“, das Spitzenstück eines postalischen Wettstreites um die originellste und auch knappste Adressierung ist aber zweifelsohne: „n – Deutschland“, eine Karte, die in einer Kolonie des Deutschen Reiches in China von ehemaligen Bonner Studenten aufgegeben worden war – und die selbstverständlich ihre Adressatin erreichte![27] Zur Feier ihres 75. Geburts­tages sollen mehr als 5.000 schriftliche Grüße eingetroffen sein, darunter auch von S. M. Wilhelm II.; fünf Rundfunkstationen berichteten über das Jubiläum.

Ehemalige Studenten in Uniform umrahmen eine ernst blickende Lindenwirtin: der Erste Weltkrieg verändete und beendete letztlich die Idylle in Bad Godesberg, die Aennchen Schumacher in Jahrzehnten aufgebaut und gepflegt hatte.

Nach dem Weltkrieg trugen auch einige der örtlichen Notgeldscheine Aennchens Bild mit den auf sie bezogenen Zusatzversen zu Baumbachs Lied. Vor allem aber waren es Gedichte, gekonnte und gewollte, die ihr von allen Seiten förmlich entgegenflogen. Die besten davon wurden auch vertont und gingen in ihr Kommersbuch ein, etwa „Aennchen, ist zur Kneip, juchhei, heut’ noch eine Bude frei“, zu singen nach der Weise des Studio-Lie­des;[28] desgleichen die „Aennchen-Hymne“, die sich auch nach der Weise des „Gaudeamus“ singen läßt,[29] oder Wilhelm Uhdes „Einkehr beim Ännchen“, die wie folgt anhebt: „Hallo, Frau Wirtin, wir sind hier“, wobei eine Vertonung August Bungerts zu singen ist.[30]

Nicht ins Kommersbuch aufgenommen sind dagegen die von dem Hannoveraner Turnerschafter Atz vom Rhyn verfassten Bewunderungsstrophen „Die wir Rheinstudenten sind“, denen die Lindenwirtin-Melodie unterlegt ist. Atz vom Rhyn (1867 – 1952): recte Arthur Rehbein Saxo Thuringiae .[31] Gesammelt sind diese Stücke aber vor allem in einem Zusatzband zur Aennchen-Biogra­phie, der – leider ohne Jahresangabe – unter dem Titel „Erinnerungsblätter aus dem Leben der Lindenwirtin“ in ihrem Verlag erschien. Wiederum   reichlich bebildert, reihen sich darin auf über 200 Seiten Reime und Lyrik im Überfluß – von der knappen, zweizeiligen Stammbuch-Wid­mung bis zum auf volle 48 Strophen ausufernden Huldigungsgesang.

Etwa zeitgleich, also Ende der 1920er-Jahre, wurde das Aennchen auch zur Bühnengestalt. Ferdinand Schroeder hieß der Textautor eines dreiaktigen „Lyrischen Studentenspiels mit Gesang“ mit dem schlichten Titel „Aennchen“, das ebenfalls in ihrem Verlag herauskam. Die harmlose, ja platte Geschichte, die im Jahr 1877 spielt, ist in ihrem Gasthaus angesiedelt, und auch Träudelchen, die kochende Schwester, tritt darin auf. Der Text ist – man muß es leider sagen – von geradezu peinlicher Banalität; die einfache und eingängige Musik dazu schrieb Edmund Saltin, von dem wir immerhin ein Porträt im Kommersbuch und darin nicht weniger als 22 Liedvertonungen überliefert haben.

Nach ihrem Tod 1935 wurde Aennchen Schumacher mehr und mehr zu einer märchenhaften Figur. Im selben Jahr erhielt Godesberg, das sich schon seit 1925 „Bad“ nennen durfte, die Stadtrechte. Der berühmtesten Wirtin ihrer Geschichte widmeten die Bürger nun eine Straße und einen Platz und sorgen bis heute für die Erhaltung des – zwischenzeitlich um wenige Meter ortsversetzten – Gasthauses. Und noch immer wird Baumbachs Lied, das eine völlig andere Entstehungsgeschichte hat, mit ihr in Verbindung gebracht und zu ihrem Andenken gesungen. Ein rührendes Beispiel dafür, wie ein Produkt der Phantasie lebendig Gestalt angenommen hat, weil es eine Person gab, die dieser Fiktion tatsächlich entsprach.


[1]       Ausgewählte Literatur: Blech, Hermann, Lindenwirtin Aennchen Schumacher, Kleine Godesberger Schriftenreihe, Heft 3, 19621, 19682; Hartwig, Wolfgang / Löschburg, Winfried, Zur Lindenwirtin Ännchen, in: Historische Gaststätten in Europa, Herrsching 1970, S. 31; Hausmanns, Barbara, „Schwarz die Augen, schwarz das Haar …“ Vor 70 Jahren starb die legendäre „Lindenwirtin“; in: General-Anzeiger, Bonn 26/27. Februar 2005, S. 26; Kluge, Friedrich / Rust, Werner, Schumacher, Ännchen, in: Deutsche Studentensprache, Bd. 2, Nürnberg 1985, S. 182 f.; Kunzendorf, P., Lindenwirthin, Du junge!, in: Burschenschaftliche Blätter, 5/1895; Jacob, Ayla, Aennchen bleibt Gaststätte; in: General-Anzei­ger, Bonn, 30. Dezember 2016; Lang, Raimund, Keinen Tropfen im Becher mehr, in: Intonas. Von studentischen Texten und Weisen, Wien 1992, S. 47; Lens­ki, Dietrich, Aennchen Schumacher, die Lindenwirtin aus Godesberg, in: Burschenschaftliche Blätter 2/1996, S. 98; Lohner, Christian, Unvergessen: „… Lindenwirtin, du junge“, in: Corpsmagazin 1/2010, S. 21; Lönnecker, Harald, Aennchen Schumacher, die Lindenwirtin – zu ihren 145. Geburts- und 70. Todestag; in: Burschenschaftliche Blätter 2/2005, S. 62; Neuhaus, Klaus, An „Nchen“, die „Lindenwirtin am Rhein“; in: Studentenkurier 1/1996, S. 9; Nieland, Michael Th., Ännchen Schumacher – die Lindenwirtin, in: Die Schwarzburg 1/1986, S. 19; Niesen, Josef, Bonner Personenlexikon, Bonn 20113; Nofze, Mathias, Fanpost aus aller Herren Länder, in: General-Anzeiger, Bonn, 22. Januar 2010; Noll, Günther, Aennchen Schumacher, die „Lindenwirtin“ und ihre Kommerslieder. Ein Beispiel für die Liedpflege in der Rheinromantik, in: Bonner Geschichtsblätter, 37 1985, S. 175; ders.: Aennchen Schumacher, die Lindenwirtin von Bad Godesberg, in: Arbeitskreis Bonner Korporationen (Hg.), Studentenverbindungen und Verbindungsstudenten in Bonn, zusammengestellt von Karl Kromphardt, Herbert Neupert, Michael Rotthoff, Stephen Gerhard Stehli, Haltern 1989, S. 138; R. A., „Lindenwirtin, du junge!“, in: Tagespost, Graz, 20. Januar 1935; Reisert, Karl, Der Lindenwirtin Jubiläum, in: Aus dem Leben und der Geschichte deutscher Lieder, Freiburg 1929, S. 149; van de Weyer, R., Schumacher, Anna Sibilla gen. Aennchen, in: Golücke, Friedhelm / Gottwald, Wolfgang /  Krause, Peter, Gerstein, Klaus (Hg.), GDS-Archiv für Hochschul- und Studentengeschichte, Bd. 3, Köln 1996, S. 121.

[2]       Die Bezeichnung Burgfriede beschrieb im Mittelalter das Verbot von Fehden und kämpferischen Handlungen im Machtbereich einer Burg. Auf das Studententum übertragen meint sie das Verbot von Forderungen und Kontrahagen. Kluge / Rust, „Deutsche Studentensprache“, vermuten, daß der Begriff im Zuge des Wartburgfestes in den studentischen Sprachgebrauch einging. Auch Aennchen verwendet in ihrer Biographie diesen Terminus.

[3]      Zu Baumbachs Korporationsmitgliedschaft siehe: Mechow, Max, in: Historia academica, 8./9. Band, o. J., S. 11 f.

[4]      Die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ erschienen 1878 bei Liebeskind in Leipzig. Daß Abt die Strophen bereits kurz nach der Dichtung vertont hätte, trifft nicht zu und wurde durch eine falsche Datumsnennung im „Allgemeinen Deutschen Kommersbuch“ kolportiert.

[5]       Nachzulesen in Sack, Friedrich, Die Legende von der Lindenwirtin, in: Leipziger Neueste Nachrichten, 6. März 1935; Reisert, Karl, Aus dem Leben und der Geschichte deutscher Lieder, Freiburg im Breisgau 1929, S. 151 f., geht ebenfalls auf diese Frage ein.

[6]      Fallersleben, Heinrich Hoffmann v., Unsere volkstümlichen Lieder, red. von Karl Hermann Prahl, Leipzig 19004, S. 162. Danach stammt die Zusatzstrophe von einem Dr. Johow, später Professor in Santiago, und einem Dr. Dafert, später Professor in Brasilien. Die Strophe erschien erstmals 1903 in Aennchens „Kleinem Kommersbuch“ im Druck. Bei den Autoren handelt es sich um Friedrich Richard Johow (1859 – 1933) aus Kolmar (Polen), Botaniker, der 1889 eine Professur am Pädagogischen Institut in Santiago de Chile annahm und sein weiteres Leben in Chile verbrachte, und Franz Wilhelm Dafert von Sensel-Timmer (1863 – 1933) aus Wien, Landwirtschafts- und Lebensmittelchemiker, der von 1887 bis 1898 in Campinas, Brasilien, das Landwirtschaftliche Institut aufbaute und leitete. Dafert war auch Vorsitzender des Wiener VDSt; nach ihm ist in Wien eine Gasse benannt. (Siehe auch: Neue Deutsche Biographie, Band 3, 1957) Zum Zeitpunkt der Godesberger Philisterrunde war Johow Gymnasialprofessor für Naturwissenschaften, Dafert forschte an der Universität Gießen.

[7]     Siehe dazu Aennchens eigene Darstellungen in ihrer Biographie, S. 95 f.

[8]     Die an der Fassade vermerkte Jahreszahl 1747 verweist nur auf die erste nachweisbare Existenz als Gaststätte. Das Haus selbst wurde nach der 1583 zu Beginn des zwischen Kurköln und Bayern ausgetragenen „Truchsessischen Krieges“ erfolgten Zerstörung des kurfürstlichen Amts- und Kellereigebäudes in Fachwerk errichtet und war ursprünglich ein Bauernhof. Bis ins 20. Jahrhundert war auf der Fassade links neben dem Eingang noch die Jahreszahl 1617 als Baudatum genannt; andere Texte nennen 1647.

[9]      Die Burschenschaft Frankonia ist die älteste der bestehenden Bonner Burschenschaften; gegr. 1845; weiß-rot-gold zu weißen Mützen; in der DB. Möglicherweise ist sie deshalb zur Ehre der Fassadenmalerei gekommen, die schon auf Fotos aus Aennchens Zeit erkennbar ist und nach dem Wiederaufbau in veränderter Form übernommen wurde; so befand sich damals ein Farbschild anstelle des heutigen Vollwappens. Über den gestaltenden Künstler fand ich keine Unterlagen. Von den derzeit in Bonn bestehenden Burschenschaften sind zwar die schon 1817 gegründeten Raczeks die älteste, doch sind die erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus Breslau zugewandert.

[10]       Ernemann Sander, recte Ernst Hermann Friedrich Sander, Absolvent der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar, ist im Bonner Stadtbild mit zahlreichen Arbeiten vertreten. Von ihm stammen unter anderem der „Drei-Grazien-Brunnen“, die Martinreliefs an der Stiftsmauer und die Reliefplatte am Denkmal für das Husarenregiment „König Wilhelm I.“ am Alten Zoll. Einzelausstellungen seiner Werke fanden in ganz Deutschland statt.

[11]      Wilhelm Meyer-Förster (1862 – 1934), seit 1883 Mitglied des Leipziger Corps Saxonia, veröffentlichte 1899 einen Roman „Prinz Heinrich“, den er schon bald dramatisierte und der 1901 in Berlin unter dem Titel „Alt-Heidelberg“ uraufgeführt wurde. Das sentimentale Stück wurde zu einem beispiellosen Theatererfolg, es erlebte mehrere Verfilmungen und Vertonungen. Der weiblichen Hauptrolle, der von den Studenten umschwärmten Wirtstochter Käthi, wird darin auch mit der Verleihung eines Bandes gehuldigt.

[12]     Feststellbar sind jedenfalls die Ehrenmitgliedschaften bei der ATV Gotia (heute Gotia-Suevia Bonn) im ATV, der WV Arkadia Bonn im DWV und der KDStV Novesia Bonn im CV.

[13]     Godesberg gehörte als Teil des Landkreises Bonn im Regierungsbezirk Köln zur preußischen Rheinprovinz, die von 1822 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestand. Behördlicher Mittelpunkt war Koblenz. Nach der deutschen Niederlage zogen im Dezember 1918 im Regierungsbezirk Köln englische und kanadische Truppen ein. Ihre Stationierung wurde im Versailler Vertrag vom Mai 1919 bestätigt, doch wurden die Engländer und Kanadier 1920 von den Franzosen abgelöst, die bis Januar 1926 blieben. Aennchens Bemerkung von den „eineinhalb Jahren“, Aennchen-Biographie, S. 142, bezieht sich also nur auf die britisch-kanadische Besatzung und die damit verbundene Beschlagnahmung des Hauses.

[14]     Sie dürfte aber auch zu einer Art lebendiger Touristenattraktion geworden sein, denn sie berichtet, daß Reisegesellschaften, die per Autobus oder Zug nach Godesberg kamen, nach ihr verlangten und sie diese Einladungen auch annahm, vgl.: Aennche-Biographie, S. 148.

[15]     Godesberg wurde 1969 der Stadt Bonn eingegliedert. Bis dahin hat Godesberg nur fünf Ehrenbürgerschaften verliehen, deren erste Anna Schumacher galt. Aber selbst im vereinigten Gemeinwesen bleibt ihre Stellung bis heute herausragend. Nur noch eine einzige Frau hat neben ihr solche Ehrung erhalten: die Pianistin Elly Ney wurde schon 1927 Ehrenbürgerin von Bonn.

[16]     Bonner General-Anzeiger, 18. September 1951, S. 7; das Geschäft befand sich auf Hausnummer 5.

[17]    Bonner General-Anzeiger, 13. September 1955, S. 6.

[18]   Vgl.: Bremer Rundschau vom 17. November 1961; Burschenschaft Baldur: gegr. 1919; grün-rot-blau zu grünen Mützen; Wahlspruch: „Dem Freund zu Nutz, dem Feind zu Trutz!“; gehörte zwischen 1927 und 1935 dem nichtschlagenden Verband deutscher Burschen [VDB] an; 1981 fusioniert mit der Bonner Burschenschaft Cheruskia.

[19]     Die Vermutung liegt nahe, daß dieser Kontakt durch Kurt Janssen zustande kam, der eng mit ihm befreundet war. J. war Alter Herr der Baldur.

[20]     Kurt Janssen erwähnt in einem von ihm verfaßten Kapitel der Aennchen-Biographie („Vom deutschen Studentenlied am Rhein“, S. 154 ff), daß Josef Schumacher sein hundertstes Studentenlied komponiert hätte und zählt ihn „zu den bedeutenden Komponisten in Deutschland auf dem Gebiete des Studentenliedes.“

[21]     Vgl.: Aennchen-Liederbuch, 1. Auflage, S. 400.

[22]    Diese erstaunlich hohe Auflagenzahl ist mißverständlich; trotz fehlender Verlagsunterlagen läßt sich aus den diversen Archiven und Sammlungen verfolgen, daß die reinen Text- und die Klavierausgaben in einer fortlaufenden Folge gezählt wurden. Einige sind datiert, bei anderen fehlt eine Jahresangabe, so auch bei der Nr. 50.

[23]   Die vier genannten Lieder finden sich in der Großen Textbuch-Ausgabe des Aennchen-Liederbuchs auf den Seiten 411, 359, 54 und 364.

[24]   Zitiert in der Aennchen-Biographie, S. 114.

[25]    Dies läßt sich aus Bemerkungen in der Aennchen-Biographie schließen. Gottfried Kentenich (1873 – 1939) war gebürtiger Bonner, studierte hier klassische Philologie und Geschichte und war später Leiter der Stadtbibliothek in Trier. Aus dieser Zeit liegen von ihm zahlreiche Veröffentlichungen vor.

[26]   Vgl.: Aennchen-Biographie, S. 170.

[27]   Das kleine n steht für „n-chen“; der Postbeamte hatte aus der Kleinschreibung dieses Akronyms die Diminuierung des Namens herauszulesen.

[28] Große Textbuch-Ausgabe des Aennchen-Liederbuchs, S. 11.

[29]   „Nehmt das volle Glas zur Hand …“, ebd., S. 336.

[30]    Ebd., S. 184.

[31]   Abgedruckt in den „Erinnerungsblättern“, S. 110.

[32]   Vgl. dazu: Aennchen-Biographie, S. 92 f.

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