Trauer um einen großen Kirchenlehrer – und Korporierten

Der emeritierte Papst Bendikt XVI., sein bürgerlicher Name war Joseph Ratzinger, ist am 5. Januar 2023 in Rom zu Grabe getragen worden. Zu Lebzeiten lehrte er als Theologe an fünf deutschen Universitäten, zuletzt in Regensburg. Er trug die Ehrenbänder der K.D.St.V. Rupertia zu Regensburg im CV, der dachverbandsfreien CV-Verbindung KBStV Rhaetia München sowie der KAV Capitolina Rom; aktiv war er zu Studienzeiten beim vormaligen KStV Lichtenstein-Hohenheim zu Freising, heute verbandsfrei; viele Jahre trug er zudem die Farben der Alcimonia Eichstätt im CV.

Joseph Kardinal Ratzinger im Couleur der K.D.St.V. Rupertia zu Regensburg. Bild: Rupertia Regensburg

Kardinal Joseph Ratzinger lehrte an fünf theologischen Fakultäten deutscher Universitäten: Freising, Münster, Bonn, Tübingen – und Regensburg, von wo unser Indexbild stammt. Dort hatte er von 1968 bis 1976 den Lehrstuhl für katholische Dogmatik und Dogmengeschichte inne. 1977 wurde er zum Erzbischof von München und Freising erhoben. 1982 berief ihn Papst Johannes Paul II. als Kurienkardinal und Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre nach Rom, ein Wechsel, der ihm nicht leichtfiel, der dem Papst aber sehr wichtig war. Er wirkte dort als Kurienkardinal; zusätzlich war er ab 2002 Dekan des Kardinalskollegiums.

Ratzinger galt als einer der gelehrtesten und einflussreichsten Kardinäle in theologischen und kirchenpolitischen Fragen. Vor allem war er als „rechte Hand“ seines bedeutenden Vorgängers, des heute Heiligen Johannes Paul II., sehr effizient und fleißig wirksam. Nach dessen Tod wurde er im Konklave des 18. und 19. April 2005 zum 265. Papst der römisch-katholischen Kirche gewählt und nahm den Papstnamen Benedikt XVI. an.

Kardinal Ratzinger, damals noch nicht Bendikt XVI., bekämpfte als Präfekt der Glaubenskongregation entschieden den sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche. Genauso wies auf den Mißbrauch außerhalb der Kirche hin, der, diese Anmerkung sei hier erlaubt, bei weitem größer sein dürfte. Auf Ratzingers Initiative hin wurde 2001 in Rom ein eigener Gerichtshof an der Kongregation für die Glaubenslehre zur Verurteilung von Missbrauchstätern eingerichtet. Auf sein Wirken geht auch die merkliche Verschärfung der Ausführungsbestimmungen für die dazugehörigen kirchlichen Normen zurück.

Nach der Wahl Benedikts schrieb der Theologe und Pädagoge Axel Bernd Kunze in der Basis-Post, Heft 1/2006, S. 16 f., einer Zeitschrift für Theologiestudenten: „Der ehemalige Präfekt der römischen Glaubenskongregation gilt als scharfsinniger Denker, dessen theologische Qualitäten selbst Kritikern Respekt abverlangen. Als solcher hat Ratzinger stets die Zusammengehörigkeit von Glaube und Vernunft verteidigt.“ Aus deutscher Sicht ist der Besuch Benedikts in Regensburg vom 11. bis 14. September 2006 höchst bedeutsam; am 12. September hielt er in Regensburg eine Vorlesung, in der er vor allem den Islam genauer ins Visier nahm. Er zitierte darin den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Diese Vorlesung dürfte, diese Prognose scheint angebracht, sein Vermächtnis an das 21. Jahrhundert sein.

Gedenken an Benedikt XVI. in Regensburg: Im Dom war ein Kondolenzbuch aufgelegt, die Resonanz der Gläubigen war enorm. Bild: Stefan Groß

Als theologischer Lehrer seines Jahrhunderts ist Benedikt XVI. unübertroffen. Sein Wirken kann sich durch die Zeitläufte mit Vorgängern wie Leo dem Großen, Gregor dem Großen und Thomas von Aquin vergleichen lassen. Sein dreibändiges Werk über Jesus Christus ist lebendige Theologie auf Höhe unserer Zeit, von größter Exaktheit und Präzision, dabei sehr klaren und einfachen Sätze, mit denen er aber die ganze Tiefe der Glaubensmysterien ermisst. Sein Latein war auf Höhe der antiken Vorbilder, und zwar so akkurat, dass es bis dato im Lateinunterricht altsprachlicher Gymnasien Verwendung findet.

Am 11. Februar 2013 bat Benedikt XVI. das Kardinalskollegium völlig überraschend, einen Nachfolger für ihn zu bestimmen. Vor ihm war zuletzt Papst Coelestin V. im Jahre 1294 von seinem Amt zurückgetreten. Bis zu seinem Tod am 31. Dezember 2022 lebte Benedikt zurückgezogen in einem Kloster im Vatikanstaat. Aus wissenschaftlich-theologischer wie didaktisch-kirchlicher Sicht scheint es angebracht, ihn als einen theologischen Denker und Lenker des Jahrhunderts zu sehen. Zu wünschen ist, dass er kanonisch gewürdigt und zum Kirchenlehrer erklärt wird, so, wie das bereits Kurienkardinal Kurt Koch angeregt hat. Ob die römisch-katholische Kirche diesen Schritt gehen wird, ist indes offen.

Sebastian Sigler

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