125 Jahre Bildungsrevolution: Wie die Frauen ihr Recht zu studieren erkämpften

Es ist heute kaum mehr vorstellbar. Noch vor etwas mehr als 100 Jahren waren Frauen an Universitäten nicht zugelassen, danach, ganz allmählich, ausnahmsweise. Eine von Marco Birn geschriebene und in Heidelberg verlegte Promotionsschrift behandelt den Kampf junger Frauen um das Recht, an einer Universität zu studieren. Eine solche Studie war ein absolutes Desidarat. Dabei es bestünde heutzutage durchaus die Gefahr, dass solch ein Thema für eine Gender-Kampfschrift missbraucht wird. Dass das hier nicht geschah, nützt gleich beiden enorm: dem Autor ebenso wie seinem Werk.

Mit einer Promotionsschrift eine große Lücke geschlossen: Marco Birns Studie über das Recht der Frauen zu studieren ist äußerst lesenswert.

Heidelberg nimmt eine gewisse Vorreiterrolle unter den Universitäten im heutigen Deutschland ein, ist sie doch die älteste. Und sie war auch die erste, an der sich Frauen regulär immatrikulieren konnten. Die Russin Sofja Kovalevskaja wurde 1869 als erste „Hörerin“ und „probeweise“ an der dortigen Ruperto Carola angenommen. Marco Birn erläutert: „In Heidelberg erkannte eine anfangs noch sehr kleine Gruppe von Professoren, unter ihnen vor allem Naturwissenschaftler, das intellektuelle Potential junger Frauen, die sich gegen erhebliche Widerstände um einen Zugang zur Universität bemühten.“ Von einer Mehrheit, die mutmaßlich aus Traditionalisten und um althergebrachte Privilegien besorgter Akademiker bestand, wurde diese „misslichen und störenden Erscheinung“ wieder gestoppt. In der Schweiz herrschte dagegen ein fortschrittlicher Geist: bereits ab 1870, beginnend mit Zürich, war hier die Immatrikulation von Frauen möglich. So war es vielleicht logisch, dass gerade im nördlich an die Schweiz angrenznenden Baden vor nunmehr 125 Jahren, im Schuljahr 1898/99, die Wende kam. Weibliche Schulabgänger mit Reifezeugnis konnten per Gesetz die gleichen Rechte auf Bildung einfordern wie männliche Abiturienten – sie konnten studieren!

Im Sommersemester 1900 waren also erstmals vier Studentinnen an der Ruperto Carola Heidelberg regulär eingeschrieben, indes: immer noch „versuchs- und probeweise“. Doch natürlich bewährten sich die jungen Damen. Eine von ihnen, Rahel Goitein, beschrieb dies später ausführlich. Marco Birn erläutert , wie die Immatrikulation begabter junger Frauen der Ruperto Carola sogar einen Vorteil vor anderen Universitäten verschafften: „Die Universität Heidelberg war nicht nur ein Vorreiter auf dem Weg hin zu gleichberechtigten Bildungschancen, sie war lange Zeit die bei den jungen Studentinnen beliebteste Universität Deutschlands mit einem weit überdurchschnittlichen Frauenanteil.“ Sehr spannend ist es, nachzulesen, wie es zu dieser Entwicklung kam, wobei der Autor historisch sauber arbeitet und die Frauenbewegung ausdrücklich einbezieht. Interessant auch, dass die Idee der Mädchengymnasien auch in Prag und Wien früh Fuß fassen konnte.

Rahel Straus, eine von vier regulären Heidelberger Studentinnen im Jahr 1900

Ohne, daß es besonders hervorgehoben wäre, wird erkennbar, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Bildungsbürgertum in Österreich-Ungarn und der offiziell anerkannten Befähigung weiblicher Schüler zum Studium gegeben haben dürfte. Und das Bildungsbürgertum, zumal, wenn deutschsprachig, war im östlichen Mitteleuropa größerenteils jüdisch. Dasselbe gilt im übrigen für die Schweiz. Was Birn nicht ebenfalls nicht hervorhebt, wobei auch das durchaus erwähnenswert gewesen wäre, ist die Tatsache, daß bereits mit der Revolution von 1848 der Kampf der Frauen um die akademische ildung begann, daß sich also all Akteurinnen von Helene Lange bis Rahel Goitein, später verheiratete Straus, bei den Frauen von 1848 bedanken können. Renate Reimann hat dieses Phänomen ab 2002 erforscht und jüngst nochmals in einer Veröffentlichung verdeutlicht. Aus diesen Anmerkungen geht indes hervor, das auf dem hier in einer Promotion abgesteckten Feld noch eine Menge zu ernten sein wird.

Streng nach den einzelnen Ländern im föderalen Zweiten Kaiserreich geht Marcon Birn vor, und das ist völlig richtig und auch notwendig, weil es ein deutliches Bildungsgefälle von Süd nach Nord gab. Die Universitäten und ihre Studentinnen müssen also im Kontext ihres jeweiligen Landes gesehen werden – Marco Birn erkennt und beachtet dies, er kommt daher zu validen Ergebnissen für das ganze damalige Deutschland. Wichtig ist auch, daß er die Rolle der Dozenten, zuvörderst der Professoren, korrekt einordnet. Es ging, was die Geschwindigkeit des Reformprozesses betrifft, nicht nur um die Durchsetzung von Rechten für Frauen generell – es ging auch um die Wahrung der Autonomie der Lehre an sich.

Birn erkennt fünf bestimmende Faktoren für die Anerkennung von Frauen an Universitäten. Helene Langes Frauenbewegung forderte und bekam gesellschaftliche Zustimmung für ihre bildungspolitischen Ziele. Unverzichtbar war zweitens, dass es Unterstützung aus sehr vielen Kultusministerien gab. Mehr als zwei Drittel der Professoren hatten drittens positive Erfahrungen mit Studentinnen gemacht, die Universität Zürich war Vorbild. Die Zulassung in Baden schuf schließlich viertens einen Präzedenzfall. Danach, und das war der fünfte Faktor, wäre es für die anderen deutschen Länder politisch nicht mehr durchsetzbar gewesen, Frauen von den Universitäten fernzuhalten. Zwar mussten die Prinzipien der Menschenrechte und der Autonomie der akademischen Lehre in abgewogener Weise aufeinander eingespielt werden. Der Durchbruch von 1900 – in Heidelberg – war nicht rückholbar. Das Bild, das der Autor entwirft, ist insgesamt tragfähig und informativ. Er formuliert dabei selbst den Anspruch, „Geschlechter- und Bildungsgeschichte“ zu vereinen. Dabei übertreibt er es aber nicht mit der Geschlechtergeschichte, sondern setzt den Schwerpunkt auf die Bildung. Das tut dem Buch insgesamt sehr gut.

Den zweiten Teil seiner Arbeit überschreibt Birn dann mit „von der Ausnahme zur Normalität“. Aus dem Kontext der damaligen Gesellschaft ergibt sich, dass das, was heute mit „Normalität“ bezeichnet werden würde, damals keineswegs gemeint sein konnte. Es geht also um eine damals vorhandene Normalität – vor diesem Hintergrund ist diese Überschrift korrekt. Erholsam ist auch, dass Birn seine Studie nicht überstrapaziert. Es geht ihm um die Art und Weise, in der junge Frauen sich den – im Zeitkontext zu sehenden – gleichberechtigten Zugang zur Universität erkämpften. Es kann also nicht darum gehen, zu untersuchen, ob und inwieweit diese Frauen abseits der Universität in gesellschaftlichen Zwängen verblieben. Diese verhinderten oft genug akademische Karrieren, die jungen Männern mit vergleichbarer Qualifikation offenstand – unbestritten.

Von dieser Schrift darf die geneigte Leserschaft speziell in zentralen zweiten Teil eine fundierte historische Zuordnung erwarten, eine soziologische Studie ist es nicht. Und das ist auch gut so, denn Birn gibt gute Hinweise aus dem geschichtlichen Kontext heraus. So waren die stärksten Anstiege des Frauenanteils an en Universitäten während der Kriegsjahre zu bemerken – und sie gingen danach nicht mehr zurück. Im Anteil der jüdischen Studentinnen kann der kundige Leser valide Parallelen zum Anstieg des Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft ziehen. Detailliert listet der Autor zudem die unterschiedlichen Fachgebiete auf. Dieses Buch wird damit zur Grundlagenlektüre im Bereich der Bildungsgeschichte.

Ein knapper dritter Teil schließt sich an, in dem wirtschaftliche und soziale Fragen rund um das eigentliche Studium untersucht werden, die für die Studentinnen relevant waren. Die Erkenntnisse der ersten beiden Teile werden damit untermauert und gestützt, und die von einigen Rezensenten vermissten Anteile soziologischer Forschung können hier gefunden werden. Andreas Neumann attestiert ihm immerhin auf HSozKult unter http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-23490 „einen klar zu erschließenden Überblick über die Situation von Hörerinnen und Studentinnen innerhalb der heterogenen Bildungslandschaft des Kaiserreiches“.

Mithilfe quantitativer Daten zeichnet Birn ein gut überblickbares Strukturbild der ersten Studentinnen. Die stark prosopographisch angelegte Mikroebene zielt eher auf qualitative Aussagen und damit, so analysiert Neumann, „auf Motive der Studienwahl, auf Probleme der Identitätsfindung sowie auf Alltagserfahrungen von Studentinnen innerhalb eines männlich dominierten Raumes.“ Das sei hier zitiert, weil damit Birns Arbeit gut umschrieben und umschrieben ist. Weiterführender Geschlechterforschung sowie ausgreifender soziologischer Seitenaspekte bedarf es nicht, ja, all dies wäre eine Themaverfehlung gewesen. Zweifelsohne werden Gender-Studien und soziologische Untersuchung zur weiblichen Bildungsgeschichte folgen, und das ist gut so. Birn aber hat für sein Fachgebiet, für seine Themenstellung eine komplette, ausgereifte, rundum gut gelungene Grundlagenstudie vorgelegt, auf die in absehbarer Zeit nicht verzichtet werden kann.

Sebastian Sigler

Marco Birn, Die Anfänge des Frauenstudiums in Deutschland – Das Streben nach Gleichberechtigung von 1869 bis 1918, dargestellt anhand politischer, statistischer und biographischer Zeugnisse, Heidelberger Schriften zur Universitätsgeschichte, Band 3, 433 Seiten, geb., Heidelberg 2015, ISBN: 978-3-8253-6464-9, 36 Euro.

Diese Rezension erschien zuerst in der Netzzeitung Tabula Rasa.

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