Kartell-Convent: unerhört tapfer, unbeirrt patriotisch, 1933 ohne Chance

Für ihre Werte setzten sich die Mitglieder des jüdischen Kartell-Convents mit ganzer Kraft ein. Gegen den immer greifbareren Antisemitismus im Deutschen Reich wie in der K.U.K.-Monarchie, gegen widerstrebende Richtungen ihrer Glaubensbrüder, Jede antisemitische Beleidigung beantworteten sie mit Säbelforderungen. Gegen den Nationalszozialismus aber konnten sie nichts ausrichten, die tapferen Männer des jüdischen Kartell-Conventes. Kurt U. Bertrams hat sie mit einem übersichtlichen Darstellung ihres Verbandes dem drohenden Vergessen entrissen.

Standardwerk: Kurt Bertrams‘ Buch über den jüdischen Kartell-Convent

Dieses Werk ist eigentlich schon fast ein Klassiker, denn es erschien 2009, doch es ist aktuell wie am ersten Tag. Mit einem berührenden Geleit­wort, das die Leserschaft das Ergebnis der Un­tersuchung er­ahnen läßt, beschreibt Kurt U. Bertrams‘ Beschreibung einer be­merkens­werte Richtung im Korporati­onswesen: der deutsch-natio­nalen, jüdischen Verbindun­gen, die sich im Kartell-Con­vent, dem K.C., vereinigt hat­ten. Diese jüdischen Korpo­rierten glaubten unverbrüch­lich an ihre deutsche Heimat, sie bean­spruchten das Kaiser­reich diesbezüg­lich geradezu – und sie wurden zwischen alldeutschem Antisemitismus und stärker werdendem Zionismus aufgerieben. Nachdenk­lich formuliert Bertrams über die Ange­hörigen des K.C.: „Die ‚unlösbare Zugehörigkeit zum deut­schen Volk’, in Schrift und Wort immer beschworen und im Weltkrieg bewie­sen, wurde gewaltsam zerrissen: ihr Einsatzwille war eine der vielen Vergeblichkeiten der deutschen Geschichte.“ Wieviel Dramatik schon hier sichtbar wird!

Ein weit ausgreifender, logisch strukturierter geschichtlicher Einstieg ermöglicht die Einordnung zunächst der jüdischen Kor­porationen im allge­meinen und dann des K.C. recht gut. Auch die Auseinanderset­zungen innerhalb der religiösen Gruppe der jüdischen Menschen im Deutschen Kaiserreich werden nicht aus­gespart. Auf dieser Grundlage gelingt die Darstellung der Um­stände, die zur Entste­hung des jüdischen Korporationswesens führten, sehr schlüssig. Auch der Zusammenschluß jüdisch-nati­onaler Verbindungen zum K.C., der den Gegenstand des Buches bildet, erschließt sich nahtlos.

Interessant ist es, zu erfahren, daß der K.C. einen „Tendenz­paragraphen“ kannte, in dem bereits 1898 festgelegt wurde, in dem die Mitglieder ganz gleichermaßen auf den „Kampf gegen den Antisemitismus in der Studentenschaft“ und die „Pflichten gegen ihr deutsches Vaterland“ eingeschworen werden. Es war eine sehr richtige Entscheidung, diesen Paragraphen im Wortlaut abzudrucken, und auch gleich die Steigerung des nationalen Pat­hos zu dokumentieren, die sich aus einer Änderung aus dem Jahre 1906 ergab: Nun war die Rede von „selbstbewußten Juden, die auf deutsch-vaterländischer Grundlage im bürgerlichen Le­ben die vollständige Gleichberechtigung der deutschen Juden er­streben“. Und 1908 wurde es noch deutlicher, denn hier findet sich die Formulierung, „daß die deutschen Juden einen durch Geschichte, Kultur- und Rechtsgemeinschaft mit dem deutschen Vaterlande unauflöslich verbundenen Volksteil bilden“. Zur Ein­übung dieser Haltung ernannten alle K.C.-Ver­bindungen einen zweiten Fuchsmajor, den „Tendenz-FM“, der dem auch andern­orts bekannten Fuchsmajor, beim K.C. hieß er „Comment-FM“, an die Seite gestellt wurde.

Erschütterndes Zeugnis patriotischer Gesinnung: Gefallenenmeldung in den K.C.-Blättern, abgedruckt bei Kurt Bertrams.

Berührend – eigentlich: beschämend – mutet die ganz sachli­che Schilderung der Kriegsereignisse von 1914 bis 1918 an, ganz still wird der heutige Leser, wenn er von der Tapferkeit und dem ungeheuren Blutzoll jüdischer Frontsol­daten Kenntnis nimmt, der – alle statistischen Werte, die Ber­trams akribisch liefert, ein­gerechnet – demjenigen andersgläubi­ger Soldaten in nichts nach­steht. Bertrams zitiert dazu auf Seite 75 Franz Oppenheimer, der am 2. No­vember 1918 in einer Rede sagt: „Jetzt stehen wir zu unserem Lande. (…) Und diesem Lan­de gehören wir jetzt, wo es im Un­glück ist, noch viel inniger, noch fester als zur Zeit, wo es im Glücke war.“ Daß sich der K.C. auch in der Nachkriegszeit für die Abstimmungsgebiete, zum Beispiel in Oberschlesien, mit deutlichen Worten und dann auch tat­kräftig engagierte, wird – Kompliment an den Autor! – eben­falls doku­mentiert. Daß K.C.er Seite an Seite mit ihren christlichen Kommilitonen in den Frei­corps kämpften, bezeichnet er treffend als „letzte Manifestation des Burgfriedens“ – denn was ab 1933 geschah, ist bekannt.  

Couleurkarte der Licaria München, der mitgliederstärkstenstärksten K.C.-Verbindung
(Rechte: Jüdisches Museum Berlin)

Insgesamt sehr aufschlußreich ist das Kapitel über die Zeit der Weimarer Republik, denn Stück für Stück verdeutlicht der Autor, wie sich die Konflikte zuspitzten, in denen der K.C. stand. Einerseits setzten die völkischen Verbindungen diesem jüdischen Korporationsverband, der aus heutiger Sicht sehr nobel und ge­sellschaftlich anspruchsvoll erscheint, immer mehr zu, und auch die gleichfalls sehr vornehmen, aber eigentlich weltanschaulich völlig neutralen Corps schlossen sich mehr und mehr dieser feindlichen Richtung an. Andererseits vergrößerten sich auch die Gräben gegenüber den zionistischen Verbindungen, für die das Deutsche Reich nurmehr ein „Wohnland“ war – keine Heimat. Die Angehörigen des K.C. waren begeisterte deutsche Patrioten, daran läßt der Autor keinen Zweifel – in den Veröffentlichungen des K.C. finden sich immer wieder Gleichsetzungen des Antise­mitismus mit dem Deutschenhaß der Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg.

Sehr nüchtern und sachlich schildert Bertrams die NS-Zeit mit Emigration und Vertreibung, dieser Zeit, in der die jüdischen Akademiker Haß und Ausgrenzung anstatt Anerkennung ihrer Leistungen erfuhren. Unglaublich zu lesen, aber als Lektür umso wichtiger: Noch im Februar 1933, vor der Reichstagswahl vom 5. März, glaubten die K.C.er „an die Zukunft des wahren Deutsch­land“, wie Alfred Hirschberg in der Central-Verbands-Zeitung schrieb. Kurt Bertrams überschreibt diesen Abschnitt, der zum  Kapitel „Das ende“ gehört, sehr passend mit „Irrtümer“.

Ganz logisch und wieder sehr sachlich folgt die Schilderung nach Nachkriegszeit, in der es rund um die Welt viele K.C.-Zirkel gab – in Städten wie Schanghai, London und vor allem New York, in Ländern wie Australien, Argentinien, Südafrika und vor allem Israel. Und wie groß der bleibende Verlust ist, läßt sich daran ablesen, daß im Nachkriegsdeutsch­land von den rund 2.200 K.C.-Angehörigen aus der Zeit vor dem Nationalsozialis­mus nurmehr 15 ihren Wohnsitz in Deutschland hatten.

Viele ließe sich zum Inhalt dieses Buches sa­gen, der immer sachlich und neutral geschrieben wurde. Auf die geschichtliche Darstellung folgt eine Einzeldarstellung der verschiedenen K.C.-Verbindungen dem Alter nach – völlig korrekt! Jede K.C.-Verbindung wird bedacht, sowie ein sehr ausführli­cher Anhang, der Satzun­gen, Lieder (wichtig!) sowie eine Dar­stellung aller jüdischen Ver­bände, die es neben dem K.C. gab – womit das Buch zu einem Standardwerk wird. Eine Reihe zen­traler Dokumente, die Er­wähnung einiger prominenter Mitglie­der sowie eine Farbentafel – letztere bedauerlicherweise nur in schwarz-weiß – vervollstän­digen das Bild. Gute Vergleiche erge­ben sich aus einigen Tabel­len, die eher unerwartet kurz vor den Farbentafeln auftauchen. Die zunächst so straffe und logische thematische Anordnung des Bandes verliert, die obige Aufzäh­lung deutet es an, ein wenig an Stringenz.       

Das Buch hat ein angenehmes Format und wurde zudem graphisch übersichtlich gestaltet, der feste einband ist ohnehin beim Lesen ein nicht gering zu schätzender Vorteil. Etwas ge­wöhnungsbedürftig ist aber die Nummerierung der Fußnoten, die auf jeder einzelnen Seite neu beginnt. So werden zwar hohe Hunderterwerte vermieden, aber es wird unübersichtlich, wenn eine Fußnote auf der Folgeseite weitergeht – und eine Zitation des Werkes wird sehr erschwert.

Gelungen ist Bertrams eine flüssige und informative Darstellung mit lexikalischen Qualitäten, die nicht nur umfassend Auskunft zum gesamten jüdischen Korporations­wesen – über den K.C. hinaus – gibt, sondern auch ein gutes Stück Allge­meinbildung zur Wilhelminischen Epoche darstellt. Allein schon deswegen ist gerade dieses Buch, das in seiner sehr spe­zie­llen Sparte beanspruchen darf, ein Standardwerk zu sein, auch rund ein Jahrzehnt nach seinem Erscheinen unbedingt lesenswert.

Sebastian Sigler

Bertrams, Kurt U., Der Kartell-Convent und seine Verbindungen, 2. erweiterte Auflage Hilden 2009, gebunden, 266 Seiten, einige Abb. s/w im Text, 29,90 Euro, ISBN: 3-933892-69-4.

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