Unter dem Titel „Eine enge Verbindung“ hat Hans Thomas Wolf Rhenaniae Würzburg, Franconiae München elf überaus informative und glänzend geschrieben Lebensbilder über insgesamt 13 Literaten vorgelegt, die alle korporiert waren. Der Titel beschreibt dabei gleich zweierlei: den auf positive Weise einenden Charakter einer Verbindung und zugleich das unsichtbare Band, das höchst unterschiedliche Persönlichkeiten über zwei Jahrhundert hinweg eint.
Zwei Namen fallen auf – der weltgewandte und weitgereiste Schriftstellers Arthur Koestler gehörte ältesten jüdischen Verbindung an, der JAV Kadimah Wien, gestiftet am 25. Oktober 1882, quasi der Erfinderin des jüdischen Korporationswesens. Der Deutschbalte Werner Bergengruen war zu Studienzeiten der verbandsfreien Verbindung Normannia Marburg, die 1927 als Corps im Rudolstädter Seniorenconvent (RSC) renoncierte und mit dessen Aufnahme im Weinheimer Senioren-Convent Aufnahme fand; das derzeit vertagte Corps Cheruskia Berlin zu Lüneburg. Die übrigen sind Corpsstudenten – sofort ins Auge fallen die auch heute noch prominenten Namen Franz von Kobell Isariae München und Gregor von Rezzori des Schacht Leoben, beide also Kösener Corpsstudenten.
Als „präzisen Sprachkünstler“ charakterisiert Wolf den im eigentlichen Sinne altösterreichisch geprägten Gregor von Rezzori, auf dem obigen Bild links zu sehen, geboren 1914 in Czernowitz, in eine verglimmende Habsburger Doppelmonarchie. Wanderer zwischen den Welten zu sein – das war sein Schicksal, aber auch seine Inspiration. Mit gewisser Bewunderung vermeldet Wolf, Rezzori habe einfach „nur“ Geschichten erzählt, das aber „fantasievoll“, „facettenreich“, „unterhaltsam“ und „sprachlich brillant.“ Der Autor erlebte das „neue“, republikanische Österreich, das vorkommunistische Rumänien, später kam Italien hinzu, wo er auf dem Landsitz seiner wohlhabenden dritten Ehefrau auch 1998 sein Leben beschließen sollte. So lange es sein Studium in Leonben zuließ, war Rezzori aktiv beim Corps Schacht, und dieser Kontakt sollte nie ganz abreißen.
Franz von Kobell, oben auf der rechten Seite abegebildet, war ein bedeutender Schriftsteller und als solcher geistiger Vater der vor allem in Süddeutschland populären Figur des Brandner Kaspers, eines Schlossers und Jägers aus dem Tegernseer Tal, dem es mit einer Flasche Kirschgeist und dank eines gewieften Kartentricks glückte, bei Gevatter Tod noch ein paar Lebensjahre herauszuschinden. Ein Corpsbruder, so erfahren wir bei Wolf, lieferte ihm die Inspiration, denn er hatte ebenfalls einen Kasper erfunden, den heute im Puppenspiel noch jedes Kind kennt. Dieser Corpsbruder war der „Kasperlgraf“ Franz von Pocci. Und wer auf einer Kneipe das unvergleichlich schwungvolle „Burschen heraus“ singt, der hat es ebenfalls mit einer Kobell’schen Versdichtung zu tun.

Von Werner Bergengruen ist ein Bild im Vollwichs seiner Marburger Normannia erhalten. Das ist ein Statement. Und um einen klaren Standpunkt war der Literat aus einer baltischen Familie sein Leben lang nicht verlegen. „Der Großtyrann und das Gericht“ ist eine kaum verhohlene Fundamentalkritik an Adolf Hitler, und es nimmt uns heutzutage fast wunder, dass Bergengruen für dies „Schlüsselwerk des Widerstands gegen die aufkommende Diktatur“ – so Wolf – und seine weiteren, klar widerständigen Bücher nicht mit Haft, Folter und Tod bestraft wurde. Dies im umso erstaunlicher, als mit „Am Himmel wie auf Erden“ im Jahre 1940 eine nochmals deutlichere Abrechnung mit der Diktatur erschien, formell zur Zeit der Bauernkriege im 16. Jahrhundert angesiedelt, und dennoch war die Kritik am NS-Staat kaum zu übersehen. Zurecht angesichts dessen die Klage Wolfs, dass Bergengruen heute quasi völlig in Vergessenheit geriet, denn er war und ist „eine souveräne Persönlichkeit, nicht abseits der Welt, aber über ihr stehend“. Und damit, im wohlverstandenen Sinne, eben auch ein echter Korporierter.
Ein Zitat des umtriebigen, politisch abenteuerlustigen, als Student ganz gewiß auch mensurbeflissenen Artur Koestler stellt Thomas Wolf an den Beginn seines Essay: „Es ist gewiß ein Paradoxon, dass diese erzkonservativen, anachronistischen, rauf- und sauflustigen Burschenschaften psychologisch gesünder waren als jede andere geschlossene Gemeinschaft oder Clique, der ich seither begegnet bin.“ Der im eigentlichen Sinne österreichisch-ungarischen, aber weithin deutschsprachigen jüdischen Kultusgemeinde in Budapest entstammte Koestler, sein Studium prägte die jüdisch-akademische Verbindung Unitas. Ausführlich schildert Wolf die Aktivitäten Koestlers als zionistischer Siedler in Palästina. Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er Koestler sozusagen posthum in die Reihe der Corpsstudenten aufnahm, denn dort gehört er hin. Sein Roman „Sonnenfinsternis“, 1940 erschienen, sei hier pars pro toto genannt. Diese schonungslose Abrechnung zuvörderst mit dem Stalinismus, aber auch mit jeder anderen Diktatur ist schlichtweg Weltliteratur, wie Wolf völlig korrekt einordnet.

Wolf, der als Wirtschaftsjournalist unter anderem für Capital und Focus Money tätig war, fragt einleitend noch, was die Besonderheit der Mitgliedschaft in einem Corps oder einer ähnlichen Verbindung ausmache. Die Antwort ergibt sich schon bald, quasi von selbst. Im einzigen Mehrfachportrait, „Die phantastischen Drei“, in dem es um das Literatentrio Paul Busson, Karl Hans Strobl und Hanns Heinz Ewers, extemporiert er gleichwohl: „Vielleicht liegt es am Hang zum Schwärmen, dessen sich Corpsstudenten neben dem Trinken gerne berühmen, vielleicht ist es aber auch nur bloßer Zufall.“ Das klingt zunächst unbestimmt, weist aber auf eine Eigenschaft des studentischen Brauchtums hin: die Möglichkeit, auf zwanglose Art lebenslang eine „enge Verbindung“ zu schaffen und zu erhalten. So urteilt denn auch Bernhard Grün: „Es dürfte in der Tat etwas dran sein an einem gewissen mondänen, bisweilen lasziven Hang zur Bohème oder Groteske, der die Liberalität der Corps und damit ihren Reiz bis heute zeichnet. Eine (kleine) heile Welt für sich, die Extravaganz und Exzentrizität zuläßt, damit aber auch jene Charaktere, die sich ‚im Ernst wie hier im Scherz’ erst auf ihre Weise originell entfalten.“
Die liebevoll von Wolf auf 120 Seiten porträtierten Korporierten gehörten in der literarischen Blüte der zweiten Hälfte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu den bekanntesten und beliebtesten Schriftstellern ihrer Zeit. Neben reizvollen biographischen Details stellt er zugleich die wichtigsten Werke vor, was angesichts einer steigenden Unkenntnis der deutschsprachigen Literatur höchst verdienstvoll ist. Die mangelnde Resonanz bei jüngeren Lesern führt indessen dazu, dass die meisten Ausgaben heute antiquarisch wohlfeil zu erwerben sind. Doch wo zugreifen? Hier hilft die Übersicht, die sich in „Eine enge Verbindung“ entfaltet.
Wolf empfiehlt sich mit seinem vergnüglichen Ausflug in eine vergangene Welt als Autor mit Eleganz und Esprit. Ja, eine „korporierte“ Welt erlebt die Leserschaft in diesem soliden, gut in der Hand liegenden Buch. Speziell die corpsstudentische – bei Koestler jüdisch-korporierte – Seite der namhaften Literaten kommt keinesfalls zu kurz. Die jeweilige Corpszugehörigkeit wird natürlich genannt, aber dazu serviert Wolf einen bunten Strauß von Anekdoten aus der Aktivenzeit. In ihrer Mehrzahl waren sie begeisterte Fechter, die auf dem Paukboden eine scharfe Klinge zu führen wussten. Kurzum, so urteilt Bernhard Grün: „Dieses Büchlein ist ein Feuerwerk des gepflegten Geschmacks, Lektüre mit Bildungsanspruch.“ Wobei hinzugesetzt sei, dass eine sehr solide gemachte, fest eingebundene, fein gestaltete und am Ende mit einer Galerie der Portraits der behandelten Literaten versehene Edition allemal als „Buch“ bezeichnet werden darf.
Hans Thomas Wolf, Eine enge Verbindung. Corpsstudenten als Literaten. Edition CORPS, Bad Kösen 2025, Festeinband, 125 Seiten, 22 Euro.

