Am 11. März 1902 fand in der Mailänder „Scala“ die Uraufführung der Oper „Germania“ statt – die Handlung ist Studentenhistorikern durchaus vertraut; den Rahmen bilden die Befreiungskriege. Studenten formieren sich im Lützowschen Freicorps. Alberto Franchetti, der Komponist, nannte seine „Germania“ ein „Lyrisches Drama in einem Prolog, zwei Bildern und Epilog“. Das Libretto stammte von Luigi Illica. Eine erstaunlich prominente Besetzung gestaltete die Uraufführung: Arturo Toscanini hatte das Dirigat, Enrico Caruso sang die Titelpartie.
Das Publikum im Teatro alla Scala, so heißt das weltberühmte Mailänder Opernhaus mit vollem Namen, feierte die Aufführung frenetisch, Franchettis wurde nicht weniger als fünfzehnmal auf die Bühne gerufen. Auchvon den Kritikern wurde „Germania“ gleichermaßen in höchsten Tönen gelobt. Über dreißig kleinere und größere Bühnen in Italien, Europa und Übersee setzten die Oper auf den Spielplan. Brescia machte noch 1902 den Anfang, dann folgten Buenos Aires, Bologna, Santiago de Chile, Lissabon, Venedig, London, Parma, Philadelphia, Chicago – und sogar die Metropolitan Opera in New York. Trotz dieses großen Erfolges der Oper und der Popularität Franchettis, der damals kaum weniger berühmt war als sein Zeitgenosse und Freund Giacomo Puccini, ging der Zeitgeist über recht bald das Werk hin. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es nur noch vereinzelte Aufführungen, das Werk versank bereits im Lauf der 1920er Jahre in der Vergessenheit. Was war passiert? Das ist für Studentenhistoriker von Interesse.

Franchettis „Germania“ ist eines der wenigen größeren Werke in der Musikgeschichte, das studentisches Liedgut zum Inhalt hat. Und obwohl das Werk in Deutschland spielt und mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon ein urdeutsches Thema behandelt, zu dem auch die Querung des Rheins durch den preußischen Generalfeldmarschall Gebhardt Leberecht v. Blücher mit seinen Truppen gehört, gelangte „Germania“ nördlich der Alpen auch 1902 und in den Folgejahren, während es weltweit noch gefragt war, niemals zur Aufführung. Es wurde vielmehr von der deutschen Kulturkritik zerrissen: Vielerorts wurde eine angebliche „Deutschthümelei“ kritisiert, anderen war das Werk „nicht national genug“.
Und überhaupt – der Gedanke, dass ein italienischer Librettist und ein gleichfalls italienischer Komponist eine Oper in italienischer Sprache über einen so urdeutschen Mythos schreiben, war vielen Zeitgenossen Grund genug, das Werk ungehört abzulehnen.Wer indessen glaubt, bei den Auseinandersetzungen um „kulturelle Aneignung“ handele es sich um eine „woke“ Erfindung unserer Tage, dem sei in Erinnerung gerufen: Solche Diskussionen gab es auch schon vor über 100 Jahren; Illica wurde 1857 geboren, und er lebte bis 1919. Gerade die zerrissene und geteilte Meinung im heutigen Deutschland ist vielleicht ein guter Grund, um sich diese Oper näher anzuschauen. Und für uns Korporierte allemal – das Werk berührt, ja widerlegt nicht nur die Kultur ungerechtfertigter Anfeindungen gegen Korporierte heutzutage, sondern es bietet auch ein zeitgemäßen Kommentar zu den Gründungsmythen einer der größeren Richtungen des bis heute bestehenden und florierenden Verbindungswesens.
Baron Alberto Franchetti

Baron Franchetti wurde am 18. September 1860 in eine jüdisch-sephardische Turiner Unternehmerfamilie hineingeboren – sein Vater war Unternehmer und Großgrundbesitzer, seine Mutter entstammte der Bankiersfamilie Rothschild. Der junge Alberto widmete sich bevorzugt der Musik. Nach Studien in Venedig bekam er seine hauptmusikalische Ausbildung in Deutschland, zunächst bei Josef Rheinberger in München, dann in Dresden bei Felix Draeseke und Edmund Kretschmer. Zurück in Italien – und völlig ohne finanzielle Sorgen – widmete er sich hauptsächlich der Komposition von Opern, verkehrte in Freimaurerkreisen und lebte insgesamt sehr komfortabel. Musikalisch ist er ein klassischer Vertreter des Verismo und der „Giovane Scuola“, er war musikalisch aber auch von der Pariser Grand Opéra eines Giacomo Meyerbeer und besonders durch Richard Wagner beeinflusst.
Franchetti war ein glühender Verehrer Richard Wagners und auch Vorsitzender der Richard Wagner-Gesellschaft in Bologna. Neben seiner „Germania“ wurde er insbesondere durch seine Opern „Asrael“ (1888) und „Cristoforo Colombo“ (1892) berühmt. Zeitweise war er Direktor des Florentiner Konservatoriums und widmete sich auch dem Motorsport: Er war einer der Mitbegründer des italienischen Automobilistenclubs und fuhr auch erfolgreich Autorennen. Doch sein Glück verließ ihn. Durch die Rassengesetze Mussolinis wurden seine Werke bald von den Bühnen Italiens verbannt. Auch persönlich ins Abseits geschoben, was auf seinen jüdischen Glauben zurückzuführen sein dürfte, starb Franchetti vereinsamt am 4. August 1942 in Viareggio – mitten in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.
Dramma lirico „Germania“, 1902

Nachdem Franchetti die Rechte an dem ungbearbeiteten Libretto von Luigi Illica für eine Oper namens „Tosca“ besaß, diese aber aus Zeitgründen zunächst nicht nutzten konnte, meldete sein Freund Puccini Interesse an dem Stoff und übergab ihm auch die Rechte an der „Tosca“. Das Werk Puccinis ist aus heutigen Spielplänen nicht wegzudenken. Luigi Illica, der für berühmte Puccini-Opern wie „Madama Butterfly“, „La Bohème“ und „Tosca“ als Librettist Pate stand, hatte aber eine neue Idee.
Bei dem Libretto, mit dem Illica Franchetti versorgte, handelte es sich um die „Germania“. Franchetti hatte sehr wahrscheinlich auch inhaltlichen Einfluss auf das Libretto. Er schrieb seine Oper bewusst als Würdigung an Deutschland und seiner persönlichen Verbindungen dorthin. Er sprach sehr gut deutsch und hatte eine deutsche Ehefrau, wobei die Ehe nicht von langer Dauer war; außerdem könnte er zeitweise die deutsche Staatsbürgerschaft gehabt haben – eindeutig klar ist dies nicht. Indessen spielt seine Oper zur Zeit der napoleonischen Befreiungskriege in Deutschland, und die auftretenden Figuren sind vornehmlich Studenten. Die Protagonisten werden getrieben durch den Wunsch, der französischen Besetzung ein Ende zu bereiten, sie kämpften daher auch gegen die Napoleon unterstützenden deutschen Ländern aus dem Rheinbund. Im Zentrum des Werkes steht auch der Wunsch nach einem geeinten, freiheitlichen deutschen Staat, eine Idee, die im Vormärz dann auf die politische Agenda gehoben wurde.
Obwohl die „Germania“ eine sehr gute Beschreibung der historischen Situation des Widerstands unter napoleonischer Besatzung darstellt, hat sich der Autor die künstlerische Freiheit nicht nehmen lassen, aus den historischen Gegebenheiten eine dramaturgisch passende Opernhandlung zu entwerfen. Von einer genauen historischen Dokumentation der Ereignisse um 1810 in Deutschland kann daher bei der Germania – wie bei anderen historischen Opern auch – keine Rede sein. Zudichtungen, zeitliche Inkongruenzen und erfundene Szenen charakterisieren das Libretto, die Handlung bildet aber dennoch ein gutes Abbild der charakterlichen und motivationsspezifischen Handlungsmuster der historischen und erfundenen Figuren zur Zeit der napoleonischen Besatzungszeit am Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland dar.
Tugendbund, Deutscher Bund und Lützowsches Freikorps
Im Werk wird der „Tugendbund“ erwähnt, in dem die Protagonisten Mitglied sind. Hier verwischt sich die historische Realität der (vielfältigen und oft nur kurzlebigen) damaligen Geheimbünde gegen die Besatzer mit der dichterischen Fiktion des Librettos. Der eigentliche Tugendbund wurde erst 1808 in Preußen als Verein zur moralischen Erbauung Preußens nach den militärischen Niederlagen gegen Napoleon gegründet. Gründer und Mitglieder waren vor allem Aristokraten, Intellektuelle und Offiziere. Er war freimaurerisch geprägt und bestand bis 1810, als parallel von Friedrich Ludwig Jahn der „Deutsche Bund“ als Geheimbund gegründet wurde. Beide Vereine gründen auf denselben Idealen und Zielen, jedoch war Letzterer deutlich jünger und studentischer geprägt. Der Deutsche Bund war ein direkter Vorläufer des Lützowschen Freikorps und auch der Urburschenschaft sowie die verborgene politische Struktur hinter der Turnbewegung Jahns. Vermutlich ist mit dem Begriff „Tugendbund“ bei Illica / Franchetti eher der Deutsche Bund von Jahn gemeint, der in etwa um 1813 / 1814 zerfällt und mit mehreren seiner Mitglieder, darunter auch Jahn, im Lützowschen Freikorps aufgeht.
Der Lützowsche Freikorps war ein Freiwilligenregiment der preußischen Armee, das 1813 durch Initiative von Friedrich Ludwig Jahn und Friedrich Friesen (der auch Mitgründer des Deutschen Bundes war) als „Königlich Preußisches Freikorps“ errichtet wurde und 1814 als Infanterie-Regiment Nr. 25 in die preußischen Linientruppen übernommen wurde. Seine Mitglieder waren Freiwillige aus mehreren deutschen Ländern (vornehmlich Handwerker) und umfasste auch Jäger, die mehrheitlich studentisch geprägt waren – mit dem Begriff „Jäger“ ist hier eine Truppengattung gemeint, die vornehmlich autonom in Kleingruppen als Aufklärer fern der Hauptlinien aus der Deckung heraus operierte.
Obwohl die Oper dramaturgisch in der großen Völkerschlacht bei Leipzig kulminiert, hat das Lützowsche Freikorps an dieser Schlacht historisch gar nicht teilgenommen: Während des Herbstfeldzuges 1813 kämpften sie sich die Elbe flussabwärts entlang. Als rund um Leipzig vom 16. bis 19. Oktober die bis dahin vermutlich größte Schlacht der Geschichte stattfand – mit rund 560.000 Beteiligten und geschätzt zwischen 80.000 und 110.000 getöteten und verwundeten Soldaten! – war das Freikorps zusammen mit Kosaken an der Eroberung Bremens beteiligt. Als französische Verstärkung eintraf, mussten sie die Stadt aber wieder aufgeben. Später kämpfte das Freikorps in Westfalen, Schleswig-Holstein und am Rhein, meistens mit Kosaken zusammen.
Die Urburschenschaft in der Nachfolge des Lützowschen Freikorps
Jahn und Friesen hatten schon 1811 die Gründung einer Burschenschaft angeregt, also einer gesamten, deutschlandweiten Vereinigung von Studenten (der Begriff „Bursch“ stand damals für „Student“), in Abgrenzung zu den landsmannschaftlich geprägten Korporationen der damaligen Zeit, die sich ab 1789 in schneller Folge an den Universitäten gebildet hatten. Eine schon wenig später einsetzende Verklärung führte zu einer Überhöhung des Freikorps in den darauffolgenden Jahrzehnten, die sich von der historischen Realität dieses Freiwilligenregiments zunehmend entfernte.
In diesem Sinne baut die „Germania“ Franchettis auf der Verklärungswelle des Lützowschen Freikorps im 19. Jahrhundert auf, in der nicht historische Genauigkeit, sondern eine dramaturgisch logische und ansprechende Handlung Pate stehen. So ist auch die Versammlung der intellektuellen Elite Deutschlands bei der Verhaftung Palms nicht historisch: Johann Philipp Palm, der eine Hetzschrift gegen Napoleon und seine deutschen Unterstützer publizierte („Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“, der eigentliche Autor des Pamphlets ist nicht sicher belegt) stand mit den Hauptfiguren des Widerstandes im Austausch, und war bei seinem Onkel, dem Buchverleger Johann Jakob Palm im preußischen (und damit sicheren) Erlangen untergetaucht.
Bei einem Kurzbesuch bei sich zu Hause im – französisch besetzten – Nürnberg wurde Johann Philipp Palm nach der Denunzierung durch einen Bettler von der Staatsgewalt festgenommen, in Braunau am Inn vor ein Kriegsgericht gestellt und im Schnellverfahren zum Tode verurteilt. Keine zwei Wochen nach seiner Festnahme wurde er durch Erschießen hingerichtet. Die Historizität der studentischen Hauptfiguren in der Germania ist ebenso nur eine literarische, wie auch die Geschichte mit der gemeinsamen Geliebten – scheinbar darf es keine italienische Oper ohne Liebesgeschichte geben…
Studentische Weisen im Prolog der Oper
Für Korporierte ist musikalisch insbesondere der Prolog der Germania interessant. Innerhalb des rund 45 minütigen Aufzuges sind eine Vielzahl an studentischen Weisen verewigt: Gleich die ersten Takte wie auch weite melodischen Teile des Prologs sind der Melodie des Landesvaters entnommen (wie treffend zum Inhalt der Oper!). Unter den bekannteren und unbekannteren studentischen Liedern sind dort folgende Weisen vertont: „Ça ça geschmauset“, „Gaudeamus igitur“, der Fuchsenritt („Was kommt dort von der Höh‘“), „Brüder zu den festlichen Gelagen“, sowie sehr prominent das Lied „Lützow´s wilde verwegene Jagd“ („Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein“, gedichtet von Theodor Körner, in „Des Knaben Wunderhorn“, und meisterhaft vertont durch Carl Maria von Weber). Sowohl Körner als auch Weber waren Mitglied im Lützowschen Freikorps.
Außerdem taucht in dem Prolog auch noch eine Melodie auf, die dem jungen Bettlerkind Jebbel beigebracht wird und die wir heute als das Volkslied „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ kennen – im Evangelischen Gesangbuch steht es unter der Nummer 511. Der heute geläufige Text entstand dabei erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Melodie wurde jedoch schon 1806 für ein Trauerlied für den in der Schlacht bei Saalfeld gefallenen Prinzen Louis Ferdinand geschrieben, und war damit schon zu Beginn ein Revolutionslied. 1808 wurde auf die Melodie ein Liebeslied mit dem Namen „So viel Stern am Himmel stehen“ gesungen, und dieses verwendete Franchetti als textliche Basis in seinem Drama. Die Vertonung dieser Melodie durch Franchetti in seiner Germania zeigt, dass er sehr wohl den revolutionären Hintergrund der Melodie zur Zeit der Befreiungskriege kannte. Dass er die Komposition und Dichtung des Revolutionsliedes um wenige Jahre vorwegnahm, ist auch hier der künstlerischen Freiheit des Komponisten geschuldet.
Deutsche Erstaufführung erst 2006
Die erste – und bisher einzige – Aufführung des Werkes in Deutschland fand 2006 an der Deutschen Oper Berlin statt, unter der musikalischen Leitung von Renato Palumbo in der Inszenierung von Kirsten Harms, damals auch Intendantin des Hauses. Regie und Bühnenbild sind meiner Meinung nach gut gelungen, schlüssig und teilweise im korporationsstudentischen Milieu inszeniert (dies betrifft den Prolog sowie das zweite Bild, das auf dem Paukboden einer Verbindung spielt). Diese Aufführung ist als DVD erhältlich und für verbindungsstudentische Musikliebhaber sehr zu empfehlen.
Abschließend lässt sich festhalten, dass dieses Werk – sowohl aufgrund seiner musikalischen Qualität als auch durch die eingehende Auseinandersetzung mit einer prägenden Epoche der mitteleuropäischen Geschichte und der Tradition der Studentenverbindungen – einen bedeutenden kulturellen Wert besitzt. Die „Germania“ von Alberto Franchetti hat es nicht verdient, in Vergessenheit zu schlummern!
Erik Zindel
Erik Zindel ist Dipl.-Ing., ehrenamtlich ist er als stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Alter Wingolfiten aktiv. Dieser Text erschien zuerst in den Wingolfsblättern, 144. Jg, Nr. 4/2025, S. 16 – 24. Er ist eine angepasste Schriftfassung eines Vortrages aus dem zweiten Liederseminar des Wingolf im September 2025 im thüringischen Wasungen.

