Am Wochenende 20. bis 22. März 2026 lud der ÖVfStG zur 25. österreichischen Studentenhistorikertagung nach Salzburg ein – eine Stadt von kulturelle Weltgeltung, zugleich durch die Grenzlage zu Deutschland für die AKSt-Mitstreiter recht gut erreichbar. Etwa 40 Personen – Fachleute, Spezialisten, Interessenten – nahmen teil.

Die Begrüßung zur Tagung fand so formlos wie herzlich im Lehrerstüberl des historischen Salzburger Müllnerbräu, eines im Kern uralten, klösterlichen Gemäuers, statt. Der Präsident des ÖVfStG, des bewährten Österreichischen Vereins für Studentengeschichte, Prof. Dr. Peter Krause, begrüßte die Gäste von nah und fern. Dem folgte nahrhafte und flüssige Erbauung, wobei zuvörderst eine ganze Reihe studentischer Bierlieder zum Besten gegeben wurde; der Schwerpunkt der Vorträge war indessen auf den Samstag fokussiert.
Sehr bewusst war die Tagung auf ein katholisches und ein waffenstudentisches Verbindungsheim verteilt worden. Und so kamen die Spezialisten unter den Historikern, denn genau das sind Studentenhistoriker, am Vormittag des 21. März zunächst auf dem Haus der ÖCV-Verbindung Lodronia Salzburg zusammen. Das Vortrags-Panel eröffnete Professor Raimund Lang zum Thema „Der Scholi – Ein Salzburger Student, Vagant und Musicus um 1800“. Lang berichtete über den in Salzburg relegierten hugenottenstämmigen Theologiestudenten Ferdinand Joly, der den Rest seines Lebens als fahrender Sänger durch das Gebiet des ehemaligen Salzburger Erzstiftes streifte, geistliche und weltliche Lieder und Schauspiele schrieb, dies alles zur Aufführung brachte und zeitlebens als „der ausg’jagte Student“ bekannt und beliebt war und blieb. Das Kopfbild dieses Beitrags zeigt Professor Lang, eine Bildquelle zum „Scholi“ präsentierend.
Dem folgte ein von reicher Bildauswahl begleiteter Vortrag von Dr. Peter Kramml, dem emeritierten Direktor des Salzburger Stadtarchivs: „Die Salzburger Studenten und die Revolution von 1848“. Dieser bislang kaum beachtete und daher auch nicht hinreichend publizierte Bereich der sogenannten Bürgerlichen Revolution in Österreich brachte überraschende Einblicke in das revolutionäre Geschehen in Salzburg sowie die Rolle von Salzburger Studenten in Wien, unter denen sich zahlreiche Persönlichkeiten befanden, die später zu hohem Ansehen gelangen sollten.

Die Abrundung des ersten Tagungsblocks bot Dr. Sebastian Sigler als Vertreter der deutschen Studentenhistoriker, der sich dem Thema „Immer unter den Ersten: Rahel Goitein – Medizinstudentin, Verbindungsgründerin, Zionistin“ widmete. Auch diese Thematik betraf ein bisher kaum behandeltes Gebiet: das der Damenverbindungen. Denn die im Sommer 1900 erste in Heidelberg immatrikulierte Medizinstudentin, 1905 die erste promovierte Ärztin war bereits 1901 Gründerin der „Organisation studierender Frauen Heidelberg“, die damit als die älteste akademische Damenverbindung gelten darf. Längst mit dem Münchner Rechtsanwalt Eli Straus verheiratet wurde Rahel Straus, so hieß sie nun, im Jahre 1933 zur Flucht ins damals noch britische Mandatsgebiet Palästina gezwungen. Sie war später im übrigen Mitglied der „Internationalen Zionistischen Frauenorganisation“, engagierte sich für Frauenrechte und Frauengesundheit und startete bleibende Initiativen im sozialen Bereich ihrer neuen Heimat, in Israel.

Das gemeinsame Mittagessen im höchst traditionsreichen Salzburger Lokal „Gablerbräu“ sei hier erwähnt, weil aus diesem Haus, aus diesem Schankbetrieb der weltberühmte Baßbariton Richard Mayr (1877 – 1935) stammte. Er gehörte seit seiner Studentenzeit der Salzburger p.B! Rugia und der Wiener a.B! Libertas an. Als Protagonist einer Bieroper wurde er für eine Gesangskarriere entdeckt und reüssierte alsbald weltweit in den führenden Opernhäusern mit den anspruchvollsten Partien. In der Gaststätte finden sich bis heute zahlreiche Bilder von ihm, darunter auch stilisierte Wandmalereien mit Darstellungen der Wiener Liberten. An der Außenwand des Hauses ist eine Gedenktafel aus Marmor eingelassen, die ihn mit seinen deutlich erkennbaren drei Schmissen zeigt. Gleich nebenan befindet sich im dritten Stockwerk eines Hauses, dessen Baukern aus dem 14. Jahrhundert stammt, das frisch denkmalgerecht renovierte Heim des KSCV-Corps Frankonia Brünn, in dem das weitere Tagungsprogramm stattfand. Ein bewusstes Signal des ÖVfStG an die Mitglieder mensurbeflissener Verbindungen war dies, den wohlgesetzten Worten des Präsidenten Professor Krause war’s durchaus zu entnehmen.
Den zweiten Vortragsblock eröffnete der Historiker Dr. Dr. Gregor Gatscher-Riedl, der über „Die Siebenbürgischen Schülerrepubliken“ sprach, worüber er unlängst ein beachtliches Buch vorgelegt hat. Der Vortrag über diese Frühformen einer Schülerselbstverwaltung, Coeten genannt, führte die Zuhörer bis ins 16. Jahrhundert zurück, als 1544 am deutschen Gymnasium von Kronstadt der nach dem Reformator und Humanisten Johannes Honterus benannte Coetus entstand. Weitere Schülerrepubliken in Hermannstadt, Mediasch und Bistritz folgten, und alle hatten bis 1940 Bestand – fast ein halbes Jahrtausend korporierter Tradition!
Ein aufrüttelndes Referat hielt danach Mag. Martin Haidinger, Historiker und durchaus profilierter Journalist beim ORF: „Unseren Hass könnt ihr haben! Die farbentragende Gesellschaft und ihre Feinde“. Er analysierte die vielfältigen, oft irrationalen Formen der Korporationsfeindlichkeit in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, durch die Sachbeschädigung am Eigentum von Verbindungen alltäglich scheint und durch die sogar körperlicher Gewaltanwendung nichts ist, wovor radikalisierte Täter zurückschrecken würden. Haidungers geschliffenen Ausführungen, die in einer Festschrift des Jahres 2022 auch gedruckt vorliegen, berührten das Auditorium vor allem durch die vielfache persönliche Betroffenheit.
Auf seinem ureigensten Terrain bewegte sich der Burschenschafter Armin Bahr, der über die „Entwicklung der schlagenden Pennalien und Burschenschaften nach 1945“ referierte. Das pennale Korporationsstudententum ist in Österreich ungleich stärker verwurzelt als in Deutschland. Das Selbstverständnis dieser Korporierten erschöpft sich nicht als Vorstufe zum akademischen Couleur, sondern ist eigenständig, was sich auch in mehreren Verbandsgründungen äußert. Bahr wusste das in einem großflächigen Überblick darzustellen.

Den Abschluss des Nachmittagsprogramms bildete der Vortrag von Dr. Gerd Mohnfeld unter dem Titel „Der Niedergang des BC und die 68er-Unruhen in Marburg und Berlin – ein Zeitzeugenbericht“, der auch der emotionalste auf dieser Tagung war, denn Dr. Mohnfeld, selbst gewesener Präsident des Burschenbunds-Conventes (BC) und als solcher der letzte in der Tradition, berichtete anekdotenreich und mit spürbarer Bewegtheit aus eigenem Erleben. Dieser Vortrag bildete auch den organischen Übergang zum Abendprogramm – hier war die Präsentation des Buches „Beiträge zur Geschichte des Burschenbunds-Conventes“ vorgesehen, ebenfalls aus der Feder von Dr. Gerd Mohnfeld.
Mit „Beiträge zur Geschichte des Burschenbunds-Conventes“ setzt Mohnfeld seinem alten Couleurverband, dessen letzter Präsident er war, ein wertvolles und bleibendes Denkmal. Die Laudatio zur Vorstellung des Bandes hielt Dr. Sebastian Sigler; danach äußerte sich der Autor selbst noch einmal zu seinem Anliegen, das dieses Buch zustande kommen ließ, und bedankte sich bei den Co-Autoren, den Herren Dr. Dr. Gatscher-Riedl aus Wien und Professor Dr. Stickler aus Würzburg. Umrahmt war diese Buchpräsentation von selten gesungenen studentischen Liedern und von kulturellen Beiträgen, darunter Tonbeispielen des oben genannten Kammersängers Richard Mayr, kommentiert von Raimund Lang. Auch Klavierstücke von Mozart („Alla turca“) und Smetana („Marsch der Prager Nationalgarde“ und „Marsch der Prager Studentenlegion“), gespielt von Dr. Christian Ramesmayer, kamen zur Aufführung. Anrührend schließlich der Solovortrag des Salzburger Studentenliedes „Wo schon Mozarts Stern erstrahlte“ durch den Bariton Markus Kohl.
Den Schlusspunkt des inhaltlich reichen und atmosphärisch wohlgestimmten Wochenendes bildete eine Führung durch die Ausstellung „Der Bauernkrieg im Spiegel von Kunst und Ideologie“ am Sonntag-Vormittag in den Oratorien des Salzburger Doms. Obwohl auf eine Dauer von einer Stunde geplant, erwies sich die Führerin, die Salzburger Kunsthistorikerin Gertraud Kamml, als so anregend, das die Gruppe sich weit mehr als zwei Stunden ihren Ausführungen hingab. Die Salzburger Bauernkriege in den Jahren 1525 und 1526 gingen eigentlich nicht von den Bauern aus, sondern von den Bergknappen des Innergebirgs, also der im Gebirge liegenden Landesteile; sie endeten mit deren hoffnungsloser Niederlage. Die Ausstellung widmete sich vor allem dem Niederschlag dieser Geschehnisse in der bildenden Kunst und in der vor allem vom Nationalsozialismus betriebenen Propaganda. Die letzten Unentwegten trafen sich danach im bodenständigen Stiegl Bräu am Hang des Festungsberges. Hier gab es schließlich ein herzhaftes Abschiednehmen, und viele äußerten übereinstimmend ihre Meinung, dass die Teilnahme an dieser Tagung auch für alle, die nicht teilnehmen konnten, ein durchaus lohnendes Unterfangen gewesen wäre.
In zwei Jahren treffen sich die österreichischen Studentenhistoriker wieder, dann schon auf fast sechs Jahrzehnte zurückblickend, denn 1969, mit Gründung des Österreichischen Vereins für Studentengeschichte durch den damals noch keine 30 Jahre alten Wiener MKVer und ÖCVer Dr. Peter Krause, hatte der deutsche „Arbeitskreis der Studentenhistoriker“ einen österreichischen Partner erhalten. 1974 veranstalteten die Österreicher in Wien ihre erste eigene Studentenhistorikertagung, und 1982 fand erstmals eine deutsch-österreichisch-schweizerische Tagung statt, die seither alle vier Jahre als „Europäische Studentenhistorikertagung“ wiederholt wird.
Raimund Lang
Nachtrag: Als würdiger, kundiger, allzeit freundlicher und jederzeit zu allen Fragen ansprechbarer Regens der Salzburger Gefilde erwies sich Professor Raimund Lang, der zugleich als Autor des obigen Berichts fungierte. Ein großes Kompliment und ein sehr herzliches Dankeschön dafür seitens des AKSt! Ebenso gewürdigt sei die große Geste des ÖVfStG, die wie selbstverständlich und ohne großes Aufhebens erfolgte: das Zugehen auf die Angehörigen mensurbeflissener Verbände ist hier gemeint. Auf ein umso besseres Miteinander hier wie dort, hüben und drüben! Sigler, Leiter des AKSt
Bilder: Haidinger (4), Sigler

