In die Jahre gekommen? Das Corps Bavaria Würzburg in Vergangenheit und Gegenwart

Was prägt das Corps Bavaria Würzburg? Kann eine jüngst erschienene Corpsgeschichte das klären? Die bayerischen Nationalfarben als Sinnbild des Eintretens für die „patria“, die Berührungsstellen mit der frühen burschenschaftlichen Einheitsbewegung 1818, der „Obskurantenblase Germania“ in Würzburg, nicht rein zufällig. Der vergleichsweise frühe Übergang vom Lebens- zum Waffencorps. Wandel als Grundprinzip. Bestehen als Ausdruck der Stärke. Ist es das? Oder mehr noch? Eine Rezension von Bernhard Grün.

Klassisch-schlicht: Die Corpsgeschichte der Würzburger Bayern

In den vergangenen 200 Jahren hat sich in der bürgerlichen Epoche der Neuzeit, in der wir leben, rein äußerlich betrachtet Gewaltiges bewegt – von den Anfängen der Industrialisierung über die technische Nutzung der Elektrizität bis zur Digitalisierung weiter Bereiche unseres Alltagslebens, der Bezwingung von Raum und Zeit vom waghalsig ersten Ballonflug an bis zur Erforschung des Weltraums, die atemberaubenden Fortschritte der Biowissenschaften und noch vieles mehr. Das prometheische Geschenk des Feuers, Allegorie menschlichen Wissens- und Wahrheitsdrangs gegen Finsternis und Angst, überlebensgroß dargestellt als Programm über dem Hauptportal der Neuen Universität Würzburg. Alle zwei Jahre verdoppelt sich inzwischen weltweit unser Wissen. Wandel als Grundprinzip – und was bleibt?

Die Idee des Corpsstudententums, geboren aus der Synthese ordensstudentischen Idealismus  und landsmannschaftlicher Tradition an der Wende zum 19. Jahrhundert, steht nicht zufällig zugleich an der Wiege des modernen Verfassungsstaats und garantierter persönlicher Freiheitsrechte. Berühmte Corpsstudenten, als Politiker wie Forscher, haben den Aufstieg der parlamentarischen Demokratie vom ausgehenden 18. bis ins 21. Jahrhundert begleitet und aktiv geprägt.

Wie wohl keine Institution – außer der Kirche – haben die Corps als enge Personalgemeinschaften und oft über Familiengenerationen hinweg widrige Zeitläufte und Systemcrashs scheinbar unverwundet überdauert. Wie ihre Farben sind ihre Konstitutionen, der schriftlich niedergelegte, freie Wille zu freundschaftlichem Zusammenhalt, Stand- und Ehrenhaftigkeit, zum Teil bis in den Wortlaut unverändert, Markenkern ihres Selbstverständnisses. Die staatliche Genehmigung verfaßter Studentengesellschaften durch Revers des bayerischen Königs Ludwig I. am 31. Juli 1827 eine Pioniertat für die Ausbildung eines vielgestaltigen Vereinswesens. Die Corps – bis heute Muster und Vorbild auch für Burschenschaften und konfessionelle Verbindungen, Damenverbindungen, Pennalien und Ingenieurskorporationen. Für die einen Hort finsterster Reaktion, für die anderen der magische Mikrokosmos, der sie ein Leben lang treu bindet. Die Pflege der Weite, der Beziehungen nach außen kommt nicht besser zum Ausdruck als in den frühen Kartellbeziehungen des Würzburger und Erlanger SC, speziell dem Verhältnis Baruthias und Bavarias, das bis in die Stiftungszeit 1815/16 zurückreicht und seit 1955 als Kartell weiterlebt.

Autor bürgt für Kennerschaft und Qualität

Der Stifter: Carl Theodor Andreas Kast Frhr. v. Ebelsberg, 1794 – 1875

Es ist das außerordentliche Verdienst von Rolf-Joachim Baum – über das Korporationswesen hinaus durch seine 1998 im Verlag Siedler erschienene Geschichte des Kösener SC „Wir wollen Männer, wir wollen Taten“ bekannt – nunmehr die Geschichte seines eigenen Corps, der 1815 gestifteten Bavaria Würzburg, über 200 Jahre bis heute als zweibändige Monographie mit einem Gesamtumfang von 1.694 Seiten, vierfarbig bebildert und bayerischblau leinengebunden (bayernfarbige Lesebändchen inklusive) vorgelegt zu haben. Buch 1 behandelt Entstehung und Aufstieg des Bayern-Corps an der Julius-Maximilians-Universität im Königreich von 1815 bis 1918, Buch 2 im Freistaat von 1918 bis 2015. Kenntnis- und detailreich rekonstruiert er zu Beginn eines jeden Kapitels die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen – auch wenn dies propädeutische Vorgehen einiges an Raum einnimmt, scheint es auf dem Hintergrund schwindenden Allgemeinwissens nachwachsender Aktivengenerationen geboten – um dann die eigentliche Corpsgeschichte im engeren Kontext des Würzburgs SC, der im Lauf der Zeit entstandenen anderen Korporationsformen, des eigenen Verbands des KSCV und der Gesamtstudentenschaft zu erzählen und erklären.

Der Autor begnügt sich nicht damit, Geschehenes rein chronologisch zu skizzieren, sondern er sucht Zusammenhänge und Entwicklungen, untersucht, deutet. Es erweist sich – auch ein Corps ist nichts Statisches. Die typische Prägung in einer Studiengemeinschaft von Gleichen ist dabei notwendig von den Einzelpersonen und deren Charaktereigenschaften, Fähigkeiten wie Schwächen, gefärbt. Auch wenn Menschen sich nicht ändern –die spezifischen Problemfelder in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft unterliegen wie Moden permanentem Wandel, kataklysmisch durchbrochen durch den Orcus zweier Weltkriege, die, Deutschland im Brennpunkt, kein Land so verändert haben wie dieses. Bis zu seinem Abriß zugunsten einer Shelltankstelle war das 1897 eingeweihte, unzerstörte alte Corpshaus in der Veitshöchheimer Straße nach dem Zweiten Weltkrieg Coca Cola-Zentrale der US-Armee, ein schmiedeeiserner Zaun als stiller Überrest, das neue Corpshaus in der Rottendorfer Straße die 1904 erbaute frühere Villa des Würzburger Chirurgen (und Corpsstudenten) Prof. Fritz König.

Von dunklen Stunden und dem Wiedererstehen

Im Besonderen die Zeit des Nationalsozialismus mit dem Kainsmal des Antisemitismus läßt Baum nicht los. Auch aus seinem Corps mußten nach 1933 die zwar wenigen jüdischen oder jüdisch versippten (nach damaliger Diktion) Corpsbrüder scheiden. Mit Baruch Trier war 1827 der erste (getaufte) Jude ins engere Corps rezipiert worden. Und es ist erschütternd nachzulesen, wie der Würzburger Bayer und Münchener Schwabe, Richard Du Moulin-Eckart, empört ihren Ausschluß nicht nur schamlos rechtfertigt, sondern ultimativ fordert. Es ist das dunkelste und traurigste Kapitel einer Erfolgsgeschichte, die nach 121 Jahren nach dem Willen der Machthaber plötzlich an ihr Ende gekommen zu sein schien. Dann, das völlig Unerwartete: das Wiedererstehen des Corps 1943 mitten im Krieg mit dem heimlichen Schlagen von Mensuren und Tragen der Farben als Zeugnis unbeugsamen Überlebenswillens. Die Renaissance und Restauration des Würzburger Verbindungswesens nach 1945 haben hier ihre Anfänge und liegen begründet in einem Klima des interkorporativen Miteinanders und Dialogs über die Lager hinweg.

Die Würzburger Bayern haben Stadt und Universität an verantwortlicher Stelle – der Würzburger Oberbürgermeister Hans Löffler von 1921 bis 1933 und 1946 bis 1948 oder der Mediziner und Universitätsrektor Max Meyer nur beispielhaft genannt – mitgestaltet. Das Corps reklamiert nach wie vor, seines selbstgesetzten Auftrags „Pro patria atque amicitia“ bewußt, aktiver Teil der Korporation Universität zu sein. Diesen Anspruch meldet es gegenüber seinem Verband wie gegenüber seinen Mitgliedern an, von denen getreu dem zweiten Teil seiner Devise „Semper superiores!“ viel abverlangt wird an Aktivität, Einsatz im Studium und nicht zuletzt „im scharfen Gang, der selbstgewählt“. Die Mensur – als schwarzes Corps werden mindestens fünf genügende Pflichtpartien verlangt, vor dem Krieg waren es nicht weniger als elf – für die Bayern nicht Selbstzweck, archaisches Relikt oder brutales Ritual, sondern sorgfältig geübtes und erprobtes Mittel der Selbsterziehung zu Mut und Standpunkt. Ziel die verantwortungs- und selbstbewußte Persönlichkeit, nicht Bilderstürmer, auch kein Duckmäusertum und wohlfeile Konformität.

Kritische Kleinigkeiten am Rande sind zu verschmerzen – die Bebilderung hätte großzügiger im Format und stärker bezogen auf Corps und Universität ausfallen dürfen, ein eingehenderes Lektorat hätte gleichwohl gutgetan. Bei allem Literatur- und Quellenstudium sind auch kleinere sachliche Fehler letztlich unvermeidbar (Würzburger Kameradschaftsgeschichte). Aber so etwas stellt man oft erst hinterher, wenn das Opus magnum dann endlich gedruckt ist, fest. Weniger Allgemeingeschichte, mehr Bayern-Geschichten (Darstellungen der Feste, zeitgenössisches Kolorit) oder Lebensläufe wichtiger Bayern. Hilfreich die übersichtlichen Tabellen wie über die zeitweise Dreiteilung des Würzburger SC zwischen 1842 und 1849 oder die verschiedenen SC im Zahlenvergleich, das Personenregister. Zu bedenken ist, daß große Teile des wertvollen Bayernarchivs dem Luftterror zum Opfer gefallen sind, unschätzbar die Vorarbeiten Baums Corpsbruders Hans Stumm als Chronist. Lobenswert die Auswertung des Würzburger SC-Archivs. Sehr persönlich das Nachwort des Autors mit dem Goetheschen Dictum: „Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.“ Man könnte hinzufügen: dem das Corps am Herzen liegt.

Dr. Bernhard Grün gehört den KDStV Markomannia, KDStV Ferdinandea, AV Suebo-Danubia an; er ist Arzt und Autor, auf dem Gebiet der Studentengeschichte ist seine Expertise sehr gefragt.

Rolf-Joachim Baum: Die Würzburger Bayern: Teil I – Geschichte eines Corps und seiner Zeit. Buch 1 – Das Corps im Königreich Bayern 1815 – 1918, Buch 2 – Das Corps im Freistaat Bayern 1918 – 2015. D. & L. Koch-Verlag Wachtberg 2020, 1.694 S., 1.016 Abb. durchgehend farbig, ISBN 978-3-948899-00-4, 149,80 € www.dlkoch-verlag.de

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