Otto v. Brentano di Tremezzo: Politiker der Mitte und Corpsstudent

Helma Brunck, die profilierte Studentenhistorikerin aus Frankfurt am Main, hat ein Lebensbild des aus Hessen stammenden Politiker Otto v. Brentano di Tremezzo vorgelegt. Eine knappe, sehr konzentrierte und inhaltsreiche Studie, in der die Themen kundig gewichtet wurden, ist der Autorin gelungen.


Otto von Brentano im Couleur der Teutonia Gießen. (Corpsarchiv Teutonia Gießen)

Weit über politischen Kontext hinausblickend ist Helma Brunck eine Studie über einen Vertreter jenes liberalen Bildungsbürgertums gelungen, das sich im späten 19. Jahrhundert in Zentraleuropa herausgebildet hatte und das unter dem Eindruck von restaurativer Politik einerseits und dem späteren Aufkommen des Sozialismus, das in der Machtübernahme der Nationalsozialisten gipfeln sollte, keinen dauernden Bestand haben sollte. Ausführlich wird die Familie geschildert, die das hatte, was heute gerne mit „Migrationshintergrund“ umschrieben wird – die Brentanos stammen aus Norditalien. Unaufdringlich, aber konsequent wird geschildert, wie das klassische Corpsstudententum und die tragende Gesellschaftsschicht des kaiserlichen Deutschland ineinandergriffen und sich ergänzten.

Die Kirche und seine Verwurzelung Brentanos im Glauben werden durchaus benannt, aber nicht überbetont. Ebenso geschieht es bei die Mitgliedschaft in den bei Teutonia Gießen und Franconia München. Angemessen geschildert wird aber die Treue Brentanos zu seinen beiden Kösener Corps, die in ihrem Verband beide der „grünen“ Richtung angehören.

Gelungene Monographie: Helma Bruncks aktuelle Biographie des Gießener Teutonen und Münchner Franken Otto v. Brentano.

Sehr schön wird herausgearbeitet, wie der 1855 geborene Brentano die politische Richtung eines aufgeklärten und prinzipienfesten Nationalliberalismus vertrat, wie er also nach heutigen Maßstäben bestens „integriert“ war, ja, wie er nebst seiner Familie zu einer tragenden, längst schon ins Großbürgerliche aufgestiegenen Schicht gehörte. Fast unauffällig wird hier exemplarisch deutlich, wie das Toleranzprinzip der Corps funtionierte. Brentano kämpfte zeitlebens, bis kurz vor seinem plötzlichen Tod 1927, gegen politischen Extremismus, und bei Helma Brunck ist dies eine Art übergreifendes Motiv, dem sich der Duktus des Buches unterordnet – völlig berechtigt übrigens. Sie belegt, wie sehr Brentano um die Gefahren wußte, die dem Liberalismus drohten. Sie beschreibt, daß diese Frucht des 19. Jahrhunderts, die letztlich im Deutschen Idealismus wurzelte, keine lange Dauer haben würde, weil Anachronismus einerseits und Sozialismus andererseits – beide nationalistisch gefärbt – in den 1920er Jahren längst die Überhand bekommen hatten.

Die Nationalsozialisten, die unter dem Eindruck der Pariser Vorortverträge zur Möglichkeit kamen, eine brutale Diktatur zu errichten, diskreditierten im übrigen ganze sechs Jahre nach Brentanos Tod die Tätigkeit dieses wahren Liberalen, indem sie seiner Witwe die Rente absprachen – ein Akt sozialistischer Niedertracht, neidgetrieben und voll Ungerechtigkeit. Die Autorin beweist bei derlei Schilderungen ein gutes Gespür für die Probleme der Zeit.


1908: Otto v. Brentano mit seiner Frau Lilla Beate und den sechs Kindern, darunter vierjährig der spätere Bundesaußenminister Heinrich v. Brentano und Tochter Maria, rechts vorne (Familienbesitz)

Das Buch ist ein fadengehefteter, fest eingebundener Pappband – angemessen und schlicht. Die Zahl der Abbildungen ist eher knapp bemessen, gibt aber den nötigen Überblick. Die Textgestaltung hingegen hätte etwas übersichtlicher und klarer ausfallen können. Den interessierten Leser wird das aber nicht stören.

Helma Brunck versteht es in ihrer Studie, Mosaiksteine wie diese zu einem größeren Ganzen zusammenzusetzen, wodurch auf kaum 100 Buchseiten ein Lebensbild entworfen wird, das Gültigkeit für eine ganze Epoche hat. Ein umfangreicher Anhang, in dem eine Vielzahl von Redeausschnitten das Beschriebene belegt, ist angehängt; Register und Stammtafeln der Brentanos sind gleichfalls vorhanden. Wissenschaftlich sind damit alle Belege und Querverweise gegeben, das Lebensbild Brentanos ist informativ und bietet gute Möglichkeiten zur Einordnung. Insgesamt ist dieses Buch unbedingt lesenswert.

Brunck, Helma, Otto von Brentano di Tremezzo (1855 – 1927. Ein hessischer Politiker im Kampf gegen rechts und links, Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte, Bd. 182, Selbstverlag der Hessischen Historischen Kommission, Darmstadt 2019, 148 Seiten, ISBN 978-3-88443-337-9.

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