Otto Julius Bierbaum – ein wildes Leben als ewiger Student

Pionier des Automobils durch Erstbefahrung einer hochalpinen Paßstraße, erfolgreicher Autor und Verlagsgründer, führender Redakteur des Simplizissimus – all das war Otto Julius Bierbaum. Vor allem aber war er ein begeisterter Corpsstudent. Seinem letzten großen Werk stellte er eine dankbare Widmung an Thuringia Leipzig voran.

Otto Julius Bierbaum als Fuchs des Corps Thuringia Leipzig

In Leipzig, beim Corps Thuringia, hat Otto Julius Bierbaum das erlebt, was er in seinen Studentenbeichten niederlegte – darin zum Beispiel die Geschichte „Erste Mensur“: humorvoll, skurril und sicher mit einer gehörigen Portion Autobiographie. Die „Schlangendame“ ist eine Erzählung, die davon handelt, wie ein verlotterter Student eben noch durch den beherzten Einsatz einer Dame dem sicheren Verderben entrissen wird. Studenten – und immer wieder seine Corpsbrüder – begegnen uns auch in Werken wie „Stilpe“, „Prinz Kuckuck“ und „Der Musenkrieg“, auf die noch einzugehen sein wird. Zu spätem Ruhm verhalf Bierbaum auch dem Felix Schnabel, jenem corpsstudentischen Romanhelden, den August Jäger Franconiae Jena in seinem 1835 erschienenen Roman „Der deutsche Student“ so trefflich beschrieb. Bierbaum hat Werk 1907 mit einer kommentierten Neuausgabe zu großer Verbreitung gebracht. Offenbar ein Großmeister in der Verbreitung studentischer Literatur, dieser Bierbaum!

Mustern wir ihn also etwas genauer. Geboren wurde Otto Julius Bierbaum am 28. Juni 1865 in Grünberg in Niederschlesien, eine Autostunde östlich der heutigen deutschen Grenze, als Sohn eines Konditors, der auch eine Gastwirtschaft betrieb. Dort lernte er früh, was ihm sehr nützlich sein sollte. Denn nach einigen Semestern in Zürich belegte Bierbaum an der Universität Leipzig. Es dauerte nicht lange, bis er beim Corps Thuringia aktiv wurde – 1885 war das.

Gelungener Studentenulk: Phantasiewappen von Bierbaum für sich selbst, kolorierte Federzeichnung, abgedruckt auf mehreren alten Auflagen seiner „Studentenbeichten“.

Wie es zuging in Leipzig, mag ein Zitat aus der Briefnovelle „Josephine“ verdeutlichen, die im Rahmen seiner „Studentenbeichten“ erschien und in der es um eine Dame ebenso wie um ein Duell geht. Der Ich-Erzähler fordert darin einen Widersacher, der vorgibt, ihm ebenjene Josephine ausgespannt zu haben, mit einer commentmäßigen Ohrfeige. Ein Duell ist die unweigerliche Folge. Auf Pistole. Bierbaum läßt es auf einer Waldlichtung bei Berlin stattfinden. Die Gegenseite, sehr nervös, schießt sofort nach dem Kommando. Die Kugel saust dem Ich-Erzähler – wir stellen uns dabei Bierbaum vor – knapp am Ohr vorbei. Der schießt seinem literarischen Gegenüber, Wimberg genannt, „nach sorgfältigem Zielen elegant ins Knie“. Nach längeren Verwicklungen, darunter auch der Festungshaft für den Ich-Erzähler, ein Ende in echt Bierbaum’scher Diktion: „Wimberg hab’ ich unter den Linden schon wieder spazierengehen sehen. Er hinkte mit viel Grazie und Selbstbewußtsein. Wahrhaftig: wohl möglich, daß sein Heldentum jetzt wirklich ein paar Witwen ergattert. Und das wäre der Humor davon.“

Unterdessen ging die akademische Laufbahn Bierbaums munter weiter, ebenso wie das Studentenleben. München, Zürich und Berlin waren weitere Stationen, Bierbaum belegte in Jura, Philosophie und Sinologie. Ab 1887, mit 22 Jahren also, begann er Rezensionen für verschiedene Zeitungen zu schreiben, zunächst eher ein Zeitvertreib. Doch mußte 1889 seine vielfältigen Studien aufgeben, denn der monatliche Wechsel blieb aus – sein Vater war bankrott.

Von Bierbaum getauschter Weinzipfel

Ab 1890 bestritt den Lebensunterhalt für sich und seine Eltern als Münchner Korrespondent des „Börsen-Couriers“, das Blatt erschien in Berlin. Wenig später war er Mitbegründer einer „Gesellschaft für modernes Leben“ in München. In deren Publikationsorgan „Moderne Blätter“ war Bierbaum einer der eifrigsten Schreiber. Schließlich war er auch Mitarbeiter der naturalistischen Zeitschrift „Die Gesellschaft“. 1891 gründet er seine erste literarische Zeitschrift „Modernes Leben. Ein Sammelbuch der Münchner Modernen“.

1893 wechselte Bierbaum nach Berlin. Er übernahm dann für vier Monate die Redaktion der Zeitschrift „Die freie Bühne“, benannte sie kurzerhand in „Neue Deutsche Rundschau“ um. Daraufhin gab es Differenzen mit dem Verleger. Bierbaum gab die Stellung wieder auf. Etwa zu dieser Zeit entstanden seine beiden ersten Bücher, Reminiszenzen an die goldene Studentenzeit: „Studentenbeichten“, erste und zweite Reihe. Bis heute sind es Kultbücher für kundige Studenten. Wer aktiv war, weiß, daß von überaus turbulenten und brüllend komischen Handlung der einzelnen Episoden nichts, aber auch gar nichts übertrieben ist.

Bierbaum ging 1897 als Redakteur des „Simplicissimus“ nach München. Hier ging es ihm zunächst blendend, aber das Glück hielt nicht lange. Seine erste Ehe scheitere, er litt unter Depressionen und Alkoholismus. Ein Kuraufenthalt wurde notwendig. Bierbaum war angeschlagen. Ebenfalls 1897 wurde auch „Stilpe, der Freiherr Ernst von Wolzogen“ publiziert, die Lebensbeschreibung eines Bohemien – natürlich ist es wieder ein Student: Stilpe wird übrigens im Roman Journalist, das ist kein Zufall. Er gründet ein Kabarett, das ist auch kein Zufall, und er ruiniert sich selbst damit – und das ist natürlich ebenfalls kein Zufall. Auf der Bühne der billigen Varieté-Kneipe, zu der sein Kabarett verkommt, hängt er sich während einer Vorstellung coram publico auf. Dies ist eine ins negative Extrem übertriebene Version von Existenzsorgen, die sich Bierbaum machte – doch es ging für ihn stattdessen stetig bergauf.

1899 wurde Bierbaum Mitherausgeber der Zeitschrift „Die Insel“, aus der der bedeutende Insel-Verlag hervorging. Damit war er publizistisch in der absoluten Avantgarde unterwegs, und zwar in München. Es waren künstlerisch produktive Jahre. Er arbeitete am Kabarett „Die Elf Scharfrichter“, sein Lied vom „Lustigen Ehemann“ wurde zum populären Kabarettschlager der Jahrhundertwende. Bierbaum legte zudem ein variantenreiches Lyrikwerk vor: Es reicht vom einfachen Gedicht über den Minnesang, Rokoko, hier besonders der Anakreontik, zu Romantik und Biedermeier.

Bierbaum war nun erfolgreich und berühmt. Gegen alle Vernunft heiratete er, weil er es konnte, im Jahre 1901 die 18jährige Italienerin Gemma Pruneti-Lotti. Sie war damals gerade halb so alt wie er. Aus dieser Zeit stammt die sehr erfolgreiche Lyriksammlung „Irrgarten der Liebe“. Damit stieg Bierbaum zu einem der meistgelesenen zeitgenössischen Lyriker der wilhelminischen Jahrhundertwende auf, die erste Auflage von 5.000 Stück war binnen weniger Wochen vergriffen.

Bierbaum im Adler-Laufwagen auf dem Weg zur Paßhöhe des Gotthard. Photograph: der Bordmechaniker!

So weit, so gut. Doch seine junge Frau hatte Heimweh. Darum reiste er mit ihr im Jahre 1902 in ihre Heimat, ins süditalienische Sorrent. Möglich auch, dass es ihn reizte, dort ein wenig zu renommieren – schließlich war er Corpsstudent. Mit einem offenen Automobil, einem „Laufwagen“ der Marke Adler mit acht PS, ging es von Deutschland über Prag nach Wien. Von dort gelangten er, seine Frau sowie der eigens für die Reise angeheuerte Mechaniker über Südtirol und Trient an Rom vorbei bis in die Heimat seiner Gemahlin. Der Umweg in den Alpen erschien nötig, weil noch niemand jemals mit einem Auto über einen hochalpinen Paß gefahren war. Das galt wegen der dünnen Luft als technisch unmöglich. Doch auf der Rückreise, die über die Schweiz ging, erschien der Umweg zu weit. So überquerte das Ehepaar Bierbaum den gut 2.100 Meter hohen Gotthardpaß mit einem Automobil – die Reise geriet zur Pionierleistung und erregte große Aufmerksamkeit. Das diesem Text vorangestellte Bild zeugt von diesem Ereignis, der Mechaniker bediente die Kamera. Im Folgejahr, 1903, erschien das Buch zu dieser unerhörten Tour: „Eine empfindsame Reise im Automobil“ – natürlich ebenfalls ein Riesenerfolg mit immer neuen Auflagen bis in die jüngste Zeit. Bis heute gibt es eine jährliche Oldtimer-Erinnerungsfahrt entlang der historischen Stecke.

1906 holte Bierbaum seine Leipziger Aktivenzeit abermals ein. Er schrieb den „Prinz Kuckuck“, ein immerhin dreibändiges Werk, in dem er überaus satirisch der wilhelminischen Zeit den Spiegel vorhielt, wunderbar untertitelt mit: „Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings“. Als nächstes Projekt kam „Der Musenkrieg“ an die Reihe – Bierbaum bezeichnete es als „eine Studentenkomödie in vier Aufzügen für die Opernbühne“, uraufgeführt zum 500. Jubiläum der Universität Leipzig. Das Buch enthält die gedruckte Widmung „S/m l/n Corps Thuringia in Leipzig“ mit Zirkel. Im „Musenkrieg“ werden Studententumulte aus dem Jahre 1767 thematisiert, die auch schon Johann Wolfgang v. Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ verarbeitet hatte. Näheres dazu steht in der Corpsgeschichte der Thuringia Leipzig von Michael Schlicht.

Bierbaum versprühte neue Ideen und wurde durch eine große Zahl von Bühnenstücken, Erzählungen, Essays und Lyrik zu einem der populärsten Autoren des Kaiserreichs. Der Komponist Richard Strauß vertonte Gedichte von ihm. Der „Irrgarten der Liebe“ erreichte die für den Lyrikbereich auch heute noch als sensationell geltende Gesamtauflage von über 100.000 Büchern. Seine Romane wurden gleichzeitig in mehreren Verlagen publiziert; der Roman „Stilpe“ erschien allein bei Schuster & Loeffler in 20 Jahren in 22 Auflagen. Bierbaums Reisetagebuch „Die Yankeedoodlefahrt“ wurde 1965 in der Nymphenburger Verlagshandlung in 400. Auflage gedruckt.

Ab 1909 lebte Bierbaum dann in Dresden, er war erst Mitte vierzig und trotzdem schon ein todkranker Mann; gestorben ist er am 1. Februar 1910 in Kötzschenbroda bei Dresden. Kein Geringerer als Thomas Mann schrieb in seinem Nachruf: „Es könnte sein, daß manch sangbares Lied seines Mundes noch lebt, wenn vieles, was heute gewichtiger dünkt, vergessen ist“. Wohl wahr – und ganz besonders den Corpsstudenten sei Bierbaums Werk ans Herz oder besser auf die Kneiptafel gelegt. Denn Bierbaum blieb durch sein ganzes, wildes Leben hindurch das, was wohl jeder gerne wäre: ein ewiger Student.

Sigler Masoviae Königsberg zu Potsdam, Schlicht Thuringiae Leipzig, Rhenaniae Bonn

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin CORPS Nr. 2 / 2020, Seite 28 und 29.

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