Turnerkreuz und Hakenkreuz: ATB stellt sich seiner Geschichte

Schon auf dem Titelbild ein Wappenschild einer Turnerverbin­dung, kombiniert mit einem übermächtigen, stilisierten Haken­kreuz im Strahlenkranz, im Hintergrund alles überragend – das schmerzt. Heute mehr denn je. Doch es ist eine Ori­ginalquelle aus dem Jahre 1935. Dieser Schmerz muß ausgehalten werden. Und der ATB kann damit umgehen, das sei vorweggenommen.

Die teils klan­destine, teils aber auch ganz offen grassierende Judenfeind­schaft im 1871 prokla­mierten wilhelminischen Kaiser­reich – das ist ein bis heute vielfach nicht genügend bedachter As­pekt der Geschichte die­ses nach Bismarck auch ohne Österreich „sa­tu­rier­ten“ Staates. Be­mer­kens­wert offen und ohne Tendenzen zur Beschö­ni­gung ist diese Schrift des Akademischen Turner­bundes (ATB) ange­legt. Eine über den Verband hinausgehende Öffentlich­keit wird ausdrücklich auf­gerufen, an einem Urteil über das, was geschah, mitzuwirken. Rainer Schlundt for­muliert dementsprechend im Vorwort unter Verweis auf Herodot, Neil Postman und Johan Huinzinga, daß die Ge­schichtssschreibung zu einer Art „Bilanz“ finden werde, in der eine Kultur über sich selbst Re­chenschaft ablegt: „So wird sich unsere Arbeit nicht damit begnügen, Fakten zu sammeln, sie muß diese Fakten einordnen und bewerten. Somit bieten wir diese Aussagen der ATB-Öffent­lichkeit an, im Wun­sche, unsere Geschichte möge letztlich zur Rechenschaft beitragen.“

Klare Worte, ehrenhaftes Unterfangen: der ATB bekennt sich zu seiner Geschichte

„Zerrissenheit“, gerade auch unter den Turnern vom ATB, war ein hervorstechendes Merkmal der Weimarer Zeit – das legt bereits die Überschriftenthese des ersten Aufsatzes nahe. Rainer Schlundt, der Autor, spiegelt hier eine These des deutsch-ameri­kanischen Historikers Fritz Stern und legt ein Psychogramm der Gesellschaft der 1920er Jahre vor, das gut und gerne auch in ein allgemeingeschichtliches Werk Eingang finden könnte. Chapeau!

Im folgenden Aufsatz interpretiert Rainer Schoenfeld die bereits skizzierte kollektive Verrissenheit für den ATB.  Ohne zu beschönigen beschreibt er, wie der Antisemitismus sich in den Verbandsblättern niederschlug – nicht kämpferisch, nicht aggres­siv, sondern mit einer niederschmetternden Selbstverständlich­keit. Dort wie in der Gesamtbevölkerung ist diese Zerrissenheit trotz der als gegeben akzeptierten Judenfeindlichkeit als Gegen­these zu Militarismus und Kriegslüsternheit verstehbar, denn im Vordergrund standen die Leibesübungen, die gezielt zum Hoch­schulsport ausgebaut wurden. Dieser wiederum wurde von radi­kalen Kräften, allen voran vom NSDStB, nur zu gerne übernom­men, um daraus eine gesellschaftliche Grundlage für einen zu­nehmend mili­tärischer Wehrsport zu formen. Ein zwiespältiges Bild der Aktivitäten und der gesamten Haltung des ATB – gerade auch in der Frage der Judenfeindlichkeit – bleibt als beklemmendes Resümee. Dieser Auf­satz ist damit ein erster zentraler Teil des Werkes.

Es folgen zwei kurze Kapitel über die Diskussion um die Einführung eines Führerprinzips sowie über Widerstand gegen den NSDStB aus den Reihen des ATB – es ist gut, daß beides the­matisiert wurde, doch speziell beim zweiten dieser beiden The­men konnte man sich tatsächlich kurz fassen.

Eine brennende Frage, eine offene Wunde berührt der folgende, umfänglichere Text von Helmut A. Schaeffer, in dem es um Ausgrenzung jüdischer Mitglieder des ATB in den Jahren 1871 bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten geht. Hochinteressant schon die Schilderung der Grundlagen, aus denen hervorgeht, dass die Mehrzahl der Juden im Deutschen Kaisserreich in den 1871 hinzugewonnenen Gebieten – Elsaß-Lothringen und Westpreußen – lebten. Wenn es ab 1879 eine breite und zersetzende Problematisierung einer „Judenfrage“ gab, hängt diese Frage also ganz originär mit der großen gebiets­mäßigen „Saturiertheit“ des Wilhelmischen Kaiserreichs zusam­men. An einigen prominenten Beispielen schildert Schaeffer die Stigmatisierung jüdischer Mitglieder, die schon 1881 öffentlich bekannt war, sowie ab dann latent vorhandene und 1924 offiziell beschlossene Verweigerung, jüdischen Korporierten Satisfaktion zu gewähren. Ab der Machtergreifung der Nationalsozialisten zeigte sich der ATB, auch das schildert Schaeffer, ohne Ein­schränkungen auf der Linie der neuen Machthaber; er schildert die Schicksale der Gebrüder Guttstadt, zweier Mitglieder von ATB-Bünden, die vom Judentum zum Christentum konvertiert waren, aber trotzdem als Juden verfolgt und umgebracht wur­den: eine knappe, unaufgeregte, sachliche Schilderung des geisti­gen Niederganges, den der ATB genau parallel zur umgebenden Gesellschaft ging. Auch wenn dieser Aufsatz dem Denkansatz, nach dem der Nationalsozialismus ein „rechtskonservatives“, also letztlich „rechtes“ Problem war, verhaftet bleibt und somit der sozialistische Grundcharakter dieser Diktatur unbeachtet bleibt, ist dies eine gute und nachahmenswerte Studie – der zweite inhaltliche Schwerpunkt dieses Buches.

Eine statistische Arbeit zur NSDAP-Mitgliedschaft von Mit­gliedern des ATB schließt sich an. Diese sehr sorgfältige Untersu­chung bringt im wesentlichen eine Untermauerung der praktisch gewonnenen Erkenntnis, daß die Linientreue des ATB im natio­nalsozialistischen Staat sehr groß war. Ausdrücklich möchte Christian Abendroth, der Autor, seine Ergebnisse als Ausgangs­punkt für weitergehende, mentalitätsgeschichtliche Forschungen verstanden wissen.

Die Gestaltung des Bandes ist solide. Erfreulich die Machart als fest eingebundener Pappband, die fehlend Beschriftung des Buchrückens ist eine Kleinigkeit, die auffallen wird, sobald man den Band in der umfangreichen Privatbibliothek zu suchen be­ginnt. Das Design von Titelseite und gesamtem läßt die Vermu­tung zu, daß hier engagierte Autodidakten gewirkt haben. Als Schrifttype wurde die als Standardschrift verbreitete Times New Roman verwandt, Abstände und Linien wurden weniger gra­phisch, sondern mehr textbezogen aufgefaßt, bei technischen Zeichen gab es kein einheitliches Reglement – so bleibt trotz des Festeinbandes der Eindrucks eines wissenschaftlichen Skripts; die Wiedergabequalität mancher Bilder läßt deutlich zu wün­schen übrig. All dies tut dem Inhalt keinerlei Abbruch, zumal insgesamt mit erkennbarer Sorgfalt gearbeitet wurde.

So bleibt festzuhalten, daß dies ein wichtiges und Buch ist, das dem ATB zur Ehre gereicht. Ein knappes Kompendium, das aber keinen Aspekt der Verbandsgeschichte ausläßt – so zumin­dest der Eindruck des interessierten Lesers und Rezensen­ten. Deutlich wird, daß eine ganze Reihe von ATB-Angehörigen mit Nachdruck und Akribie an dieser Studie gearbeitet hat. Das macht Mut. Und vielleicht folgen andere Dachverbände diesem guten Beispiel in absehbarer Zeit.                             

Sebastian Sigler

Arbeitskreis Zeitgeschichte des Akademischen Turnerbundes / Christian Abend­roth (Hrsg.), Vom  Turnerkreuz zum Hakenkreuz – Kritische Betrachtung zum Weg des Akademischen Turnerbundes ins „Dritte Reich“, Bielefeld 2018 (Ver­bandsveröffentlichung), 302 Seiten, Festeinband, ISBN 978-3-00-057944-8.

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