Ein Corpsstudent, der die Welt fein erspürt: Robert v. Lucius legt seine Erinnerungen vor

Schon aus dem Frontispiz blickt er uns an: Robert v. Lucius, der F.A.Z.-Korrespondent, der Chronist, der Erzähler – interessiert, mit einer Spur Distanz in der Gestik, aber mit einem Blick, der analytische Schärfe und freundliches Erkennen gleichermaßen erwarten läßt. Dieser Blick hat die Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht enttäuscht, und das gilt auch für die Leser dieser Erinnerungen.

Wer dieses schmale Buch – schon aufgrund seines Formates gut als Reiselektüre geeignet – aufschlägt, wird sofort selbst auf eine weitere Reise mitgenommen – durch ein Leben, das von Berufs wegen dem Entdecken gewidmet war, wobei diese Neugier den Autor nie losgelassen hat, bis heute. Fesselnd ist bereits die Kapitel über Kindheit und Jugend. Nicht nur der seinerzeit hochberühmte Sprachmagier Max Tau, sondern Südafrika und das postkoloniale Südwestafrika prägten den jungen Lucius. Für sorgfältige Machart, zurückhaltendes Design, gutes Papier und eine einwandfreie Druckqualität zeichnet der Wolff-Verlag verantwortlich.

Robert v. Lucius, Uwe Johannes Lützen EM, Adrian v. Lucius (v.l.n.r.): drei Sachsenpreußen auf dem Riesenstein, ihrem Corpshaus.

Für Studentenhistoriker wird es dann bereits im dritten Kapitel besonders spannend. Dezent, aber klar offenbart sich unter der Überschrift „Heidelberg 1968 – 1970“ der Corpsstudent. Die Heidelberger Sachsenpreußen werden im Kapitel über die Studienzeit eingeführt, der Autor und übrigens auch sein Vater sind je einmal in Couleur abgebildet. Aus der einen oder anderen Bildunterschrift kann der kundige Leser dann herauslesen, was auch die Realität ist: Lucius ist mit Leib und Seele Corpsstudent. Daß er das im Alltag nicht offensiv vor sich herträgt – noblesse oblige. Da steht er ganz in der Tradition zum Beispiel eines Albrecht von Hagen, demjenigen seiner Corpsbrüder, der Sprengstoff für ein Attentat gegen Hitler beschaffte, und der diesen Grundsatz ebenfalls vorlebte. Und wie sehr eine Aktivenzeit im Corps prägt, wird im folgenden Kapitel, das immerhin zwölf Lebensjahre bis 1982 umfaßt, recht deutlich – wie mit einem unaufdringlichen, aber immer präsenten Faden ist es von Kontakten mit Corpsstudenten durchzogen.

Fünf Jahre in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schlossen sich an, und speziell für Journalisten gibt es hier eine Fülle von interessanten Namen. Auch das südliche Afrika bereiste v. Lucius in dieser Zeit. Eine knappe Schilderung zeigt deutlich, wie und warum dem damaligen Präsidenten Pieter Willem Botha dort die Zügel entglitten. Bald danach sollte v. Lucius das südliche Afrika wiedersehen, obwohl er, wie er freimütig bekennt,  lieber nach New York gegangen wäre. Das war 1987, aber es war vielleicht auch eine Fügung. Denn er kam als Korrespondent in eine hochspannende Zeit an das Kap, an dem schon wenig später tatsächlich für einige glückliche Jahre die gute Hoffnung alles beflügeln sollte.

Im Einsatz für Toleranz in einem südafrikanischen Township: Yehudi Menuhin, interviewt durch Robert v. Lucius

Afrika im Aufbruch. Postkoloniale Umbrüche allerorten südlich des Äquators. Vor allem aber das Land am Kap – die entscheidenden Jahre der beiden späteren Friedensnobelpreisträger Frederik de Klerk und Nelson Mandela. v. Lucius beschreibt diese Welt in drei Kapiteln: zuerst die allgemeine Entwicklung, dann ein speziell der „Jahrhundertgestalt“ – so nennt er ihn – Nelson Mandela gewidmeter Abschnitt, sodann eine Würdigung der südafrikanischen Künstler, besonders lesenswert! Einen Einschnitt im wörtlichen Sinne bildet eine Reportage über einen Flugzeugabsturz in Angola, den v. Lucius überlebte, ein weiteres Kapitel über den sich neu ausrichtenden kontinent, denn v. Lucius war ab 1996 Korrespondent für ganz Afrika, rundet diesen Teil des Buches ab; ein Kapitel mit sehr persönlichen Erinnerungen aus Wolkramshausen, dem thüringischen Rittergut der Familie, schließt sich an. Hier lernt die Leserschaft viel über die Person Robert v. Lucius. Hier tritt er nicht als versierter Mittler auf, sondern es wird deutlich, aus welchen Quellen er schöpft.

Nordeuropa im beginnenden 21. Jahrhundert – so lassen sich die nun folgenden Kapitel überschreiben. Der Autor begegnet uns wieder als guter Korrespondent. Die Länder Skandinaviens und des Baltikums in sehr sinnvoller Reihung sind ganz aus seinem Blickwinkel beschrieben. Gerne folgt man ihm an den Polarkreis, an Königshöfe, in die wiedererstandenen baltischen Staaten. Nach demselben Muster ist ein Rundgang durch die Bundesländer Norddeutschlands aufgebaut. Auch wenn diese tour d’horizon hier nur kurz abgehandelt wird – lesenswert ist sie allemal! Wieviel von der Seele eines Landes v. Lucius jeweils erspürte, lässt sich konkret belegen am Beispiel Sachsen-Anhalt – für viele Leser deutlich einfacher erreichbar als Südafrika oder der Polarkreis –, das auf äußerst kundige und liebevolle Weise beschrieben wird. Hier erzählt jemand, der sich auf ein Land eingelassen hat, der eingetaucht ist, der verstanden hat. Wobei natürlich gerade hier der dezente Bezug zum Corpsstudententum nicht fehlen kann.

Immer auf Achse, hier in einer Berliner Kneipe: Robert v. Lucius hat auch einen Kneipenführer geschrieben

Und was sagt der Autor selbst zu alledem? „Irgendwie passte der Beruf zu mir – meine Neugier und viele Interessen, (…) die Freude am Schreiben und am Mitwirken, an der öffentlichen Meinungsbildung, dabei möglichst fair“, und ganz in Lucius’scher Manier geht der Satz noch ein Stück weiter, insgesamt hat er mehr als sechs Zeilen. Und „mehr in die Breite als in die Tiefe“ steht dort. Hier möchte der Rezensent dem Autor nicht folgen: Breite, natürlich, aber eben auch Tiefe sind sehr wohl erkennbar! Ein feiner, hintergründiger Humor schwingt zudem immer mit, sorgfältig ausbalanciert, der in den F.A.Z-Texten berechtigte Kritik vor verletzender Schärfe bewahrte und der hier, in den Erinnerungen, für feine Pointen sorgt, die die Lektüre zu einer reinen Freude machen. 

Reich an Bildern ist dieser Band. Der Leser geht unwillkürlich mit dem Autor auf eine Zeitreise durch das späte 20. Jahrhundert. Immer wieder ist der Autor zu sehen, aber er stellt sich nicht in den Mittelpunkt, sondern macht seine so vielgestaltige Tätigkeit an den außergewöhnlichsten Orten augenfällig. Nach drei sehr passenden Doppelseiten mit Bildern aus Südafrika, die dem entsprechenden Kapitel beigegeben wurden, und nach vielen, immer wieder eingestreuten, eindrücklichen Bildern – darunter einem sensationellen Doppelportrait von Norwegens Kronprinz Haakon und seiner Braut Mette-Marit – folgt schließlich das Kapitel „Spuren des Fotografierens“. Waren die situativen Bilder schon erhellend, waren die Südafrika-Bilder schon höchst interessant, so zeigt sich in dieser Sammlung von Portraits, wer wirklich wichtig war. Robert v. Lucius zeigt sich damit nicht nur als Kenner des Weltgeschehens, er offenbart hier auch ein bisher kaum gekanntes photographisches Talent. Diese Galerie zeigt nicht nur Köpfe des ausgehenden 20. Jahrhunderts – sie repräsentiert, ja, atmet diese Epoche.

Der Erzähler als Zuhörer im Kreis von Corpsbrüdern, hoch über dem Riesenstein in Heidelberg (alle Bildrechte: Robert v. Lucius)

Nicht zuletzt durch diese Auswahl von Portraits wird, was zunächst als eine besonders geeignete Reiselektüre erschien, in mancher gut geführten Privatbibliothek dort einsortiert werden, wo die „Zeugen des Jahrhunderts“ versammelt sind. Ein kundiger und immer interessierter Zeitzeuge, der in seinen Kindertagen die Nachkriegszeit erlebte und später die Entwicklung hin zu einer globalen, multipolaren Welt an vielen Stellen und in vielen Ländern miterlebte und beschrieb – nicht weniger als dies ist Robert v. Lucius. Seinen Erinnerungen seien recht viele Leser gewünscht.

Robert v. Lucius, Spuren des Schreibens. Redakteur, Korrespondent, Autor. Wolff Verlag, Berlin / Breitungen 2021, 266 S., broschiert, zahlr. Farbbilder, ISBN 978-3-941461-43-7, 17,90 Euro.

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