Czernowitz: ein k.u.k.-Sehnsuchtsort, insbesondere für Korporierte

Czernowitz! Wie ein Zauberwort aus vergangener Zeit wirkt dieser Name. Ein neues Buch von Gregor Gatscher-Riedl bringt uns in die goldene Zeit der fernsten, östlichsten Stadt der längst untergegangenen Donaumonarchie, und natürlich interessiert den Studentenhistoriker zunächst das Kapitel „Die Kaiser-Franz-Josephs-Universität, ihre Professoren und Studenten“.

Genau diese Kapitel scheint dem Autor auch sehr wichtig zu sein scheint, denn prominent ist es plaziert, gleich nach einer einleitenden Skizze zur Geschichte der am Flüsschen Pruth gelegenen Stadt und einer Parade der bedeutender Czernowitzer Persönlichkeiten – Rose Ausländer, Paul Celan, Karl-Emil Franzos, Gregor von Rezzori, Joseph Alois Schumpeter. Eine wahre Offenbarung – welch ein Reichtum an Verbindungen tut sich auf! Mit großer Sachkunde unterteilt und sortiert Gatscher-Riedl die einzelnen Dachverbände, die unterschiedlichen weltanschaulichen und religiösen Richtungen.

Hasmonäa Czernowitz, „von allen die feinste“,, um 1935

In Czernowitz gab es deutsche, polnische, rumänische, ruthenische, moldawische und natürlich zahlreiche jüdische Verbindungen, denn drei Viertel der Czernowitzer Studenten waren jüdisch; unter den jüdischen Verbindungen war, so erfahren wir, die zionistisch eingestellte Hasmonäa „von allen die feinste“, so jedenfalls zitiert Gatscher-Riedl eine Zeitzeugin. Doch nicht nur das: Die drei Vertreter der Bukowina – nicht etwa der Universität! – auf dem erstem Zionistencongress im Basler Stadtcasino gehörten allesamt der Hasmonäa an.

Die philosophische Fakultät der Universität Czernowitz, in der auch die Naturwissenschaften untergebracht waren.

Nur wenige der Czernowitzer Verbindungen haben überlebt, so wie die heute in Erlangen ansässige CV-Verbindung Frankonia, die mit einem großen Semesterbild in dem „Coffeetable“-Eleganz ausstrahlenden Band vertreten ist. Das Corps Alemannia, es bestand von 1877 bis 1937, eines von insgesamt drei Corps, gehörte dagegen nicht dazu. Hier ist es mit einem Bild – übrigens aus der Sammlung Raimund Lang – vertreten. Gerne würde man noch mehr lesen von der bunten Farbenwelt im so fernen und angesichts der Semesterbilder der Verbindungen doch so nahen Czernowitz. Gerne würde man durch Czernowitz schlendern und sich die wenigen verbliebenen Spuren der alten Burschenherrlichkeit am Ostrand der Donaumonarchie genauestens anschauen. Und noch viel lieber würde man es selbst erleben, wenn es denn nur noch ginge.

Fast ein wenig verbindungsmäßig muten die „Nationalhäuser“ an, Kristallisationspunkte der Kultur in Czernowitz, aber eben auch – wie das Deutsche Haus – Heimat vieler Verbindungen, die in dem jeweils zugehörigen Haus ihre Konstante hatten. Diese Häuser hatten damit ein Scharnierfunktion in die Stadtgesellschaft hinein. Prachtvoll waren sie ausgestattet, und teils sind sie heute noch in dieser Pracht erhalten, bestens restauriert. Gatscher-Riedl zeigt das am Beispiel des polnischen, des jüdischen und auch des deutschen Nationalhauses in Czernowitz.

Man möcht‘ gleich hinreisen: der Czernowitz-Band von Gregor Gatscherriedl

Beeindruckend die Zeugnisse der jüdischen Gemeinde, die einst in der Stadt das Sagen hatte – anders kann die Auskunft des Autors, 90 Prozent aller Unternehmer in der Stadt seien jüdisch gewesen, nicht verstanden werden. Aus heutiger sicht fast nicht mehr vorstellbar ist dagegen, dass es keinen Widerspruch zwischen einem Bekenntnis zum Deutschtum und dem jüdischen Glauben gab. Am ehesten ist dies nachzuvollziehen an den Literaten, unter den Rose Ausländer und Paul Celan hervorstechen. Doch genauso viel lernt der Leser über den Chassidismus; und dem bei Czernowitz ansässigen „Ruschiner Rebbe“ Israel Friedmann verdankte die Stadt den Beinamen „Jerusalem am Pruth“. Freilich trug auch die prachtvolle Synagoge dazu bei, deren heute zerstörte Kuppel stark an diejenige des Felsendomes erinnerte. Auf einem bei Gatscher-Riedl wiedergegebenen, unscheinbaren Ankündigungszettel für eine Operette begegnet dem Leser dann auch ein bekannter Name: Sulamith – in Paul Celans „Todesfuge“ soll sie uns wiederbegegnen, mitten in der Shoah.

Über die Religion kommt der Autor dann zur Schilderung des Stadtbildes. Hervorzuheben ist das höchst informative und ausführliche Kapitel zum erzbischöflichen Palastes mit seinen Kirchen, genannt „Österreichs orthodoxes Escorial“, denn in der Tat – im Vergleich zur Größe der Stadt wirkte die über der Stadt thronende, lange Ziegelfassade wie ihr berühmtes spanisches Vorbild. Nur, dass es sich um einen Gründerzeit-Bau handelte. Und viel wäre noch zu sagen zu den übrigen Kirchen, die in sonst fast nur in Jerusalem zu findender Vielfalt vertreten waren. Am ehesten noch der trauernde Ausruf: Welch immenser kulturellen Reichtümer haben uns der internationale Sozialismus – der Kommunismus also – und der National-Sozialismus beraubt!

Ausführlich behandelt Gatscher-Riedl das Stadtbild, das Eisenbahnwesen und mancherlei städtische Einrichtungen, zuvörderst das Theater. Das sind aber Einrichtungen, die viele Städte hatten, auch wenn sich natürlich angesichts der reichen Bebilderung klar darstellt, wie schön Czernowitz einst war. Zu einem Sehnsuchtsort machten diese Stadt aber das religiöse Leben, das akademische Leben und – das vor allem! – ihre Studentenverbindungen. Die kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt war in Europa unerreicht. Gregor Gatscher-Riedl gebührt großes Lob dafür, dies alles in einem reputierlichen, gut lesbaren, höchst informativen Bild-Text-Band würdig ausgebreitet zu haben. Diesem schönen Band sind recht viele Leser zu wünschen!

Gregor Gatscher-Riedl, k.u.k.-Sehnsuchtsort Czernowitz – „Klein-Wien“ am Ostrand der Monarchie, Berndorf (Österreich) 2017, geb., 21 x 21 cm, 204 S., durchg. bebildert, ISBN 978-3-99024-690-0, 26,90 Euro.

2 Kommentare zu “Czernowitz: ein k.u.k.-Sehnsuchtsort, insbesondere für Korporierte”

  1. Kann der Rezession nur rechtgeben. Bin neugierig geworden, vielleicht treffe ich Kooperierte im Deutschen Haus an!

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