Der Kaiserkommers in zeitgenössischen Illustrationen

Kaiserkommerse? Schaut man heute auf das Vereinigte Königreich oder die Nieder­lande, so ist festzustellen, dass der Geburtstag der Königin resp. des Königs ein feierlich begangener Festtag ist. Folg­lich müsste es auch einen vergleichbaren Anlass wäh­rend des Wilhelminischen Kai­serreiches gegeben haben. Und es gab sie! Eine Analyse von Peter Johannes Weber aus dem Tagungsband zur 79. deutschen Studentenhistorikertagung.

Von Peter Johannes Weber

Ein Blick in die diversen Verbin­dungsgeschichten lässt uns  glauben, diese Epoche habe so gut wie gar nicht statt­ge­funden oder sei für das deutsche Verbindungs­leben eine Zeit des Übergangs ohne wei­tere Bedeutung ge­wesen. Für viele Bünde und Ver­bände – wenn nicht gar für alle – scheint aus heu­tiger Sicht die knapp 50jäh­rige Ära zwischen 1871 und 1918 keinen Un­terschied zur Zeit davor und danach bedeutet zu haben. Dabei gab es zumindest „danach“ nicht mehr jene Anlässe, bei denen der deutsche Kaiser oder regional die deutschen Fürsten im Mittelpunkt standen.

Begriffliches


Abb. 1: Liederheft zur Festkneipe des Aka­demischen Gesangvereins München zum Kaiserkommers vom 9. März 1887.

Unter einem Kaiserkommers versteht man einen Kommers, der zu Ehren Seiner Majestät des Kaisers abgehalten wurde. Dies konnten im deutschen Sprachraum entweder die deutschen Kaiser von 1871 bis 1918 oder jene von Österreich (bis 1866) bzw. Österreich-Ungarn (1867 – 1918) gewesen sein, doch gilt hier das Augenmerk dem Zweiten deutschen Kaiserreich. In diesem fanden Kaiserkommerse meist anlässlich der Kaisergeburtstage statt, also bei Wilhelm I. am 22. März und Wilhelm II. am 27. Januar. Friedrich III. erlebte seinen Geburtstag am 18. Oktober aufgrund seines Todes am 15. Juni 1888 nicht mehr, so dass während seiner Regentschaft nie Feierlichkeiten anlässlich seines Geburtstages durchgeführt werden konnten. Zu den Geburts­tags­feiern kamen noch Feierlichkeiten zu Thronjubiläen, Besu­chen des Kaisers oder des Kaiserpaares usw. hinzu. Alternativen zum Kaiserkommers waren Kommerse oder Kneipen zur Reichsgründung vom 18. Januar (Reichskommers oder Reichs-gründungskommers), solche zu Geburtstagen, Thronbesteigun­gen oder Jubiläen von Landes- oder Kirchenfürsten sowie auf Fürst Bismarck.[1]

Die Feierlichkeiten zum Kaisergeburtstag, einem der wich­tigsten nationalen Festtage des Kaiserreichs, erhielten übrigens ihre herausragende Bedeutung „durch die jährlichen Festakte in den Schulen, Universitäten und Kirchen, durch die zahllosen Festessen, die die Behörden, Vereine und Korporationen veran­stalteten“. Durch diese Feiern sollte eine emotionale Bindung zum Kaiser hergestellt werden, deren Ursprünge die Feiern zum Geburtstag des preussischen Monarchen vor 1871 waren und die nach der Reichsgründung als Kaisergeburtstage fortgeführt wur­den.[2] Gefeiert wurden aber wie erwähnt nur zwei Kaiser, die ge­gensätzlicher nicht sein konnten. Bis 1888 war dies Wilhelm I., ein älterer Herrscher, der bei seinem Amtsantritt bereits knapp 74jährig war, von 1888 bis 1918 wurde dann Wilhelm II. gefeiert, ein junger Herrscher, der kurz vor seinem Amtsantritt erst seinen 29. Geburtstag feiern konnte.

Für viele Deutsche, vor allem aber in den Augen der Süd­deutschen, verkörperte Wilhelm I. jenen Monarchen, der 1849 die Revolution als Kartätschenprinz gnadenlos niederschlagen ließ und 1866 den Krieg gegen Österreich und seine verbündeten süddeutschen Staaten gewonnen hatte. Also wahrlich keiner, von dem man sich automatisch repräsentiert fühlte. Hinzu kamen die katholischen Untertanen Preußens, die sich wegen des Kulturkampfes mit diesem Kaiser nicht anfreunden konnten und wollten. Erst die missglückten Attentate gegen ihn sorgten für ein langsames Umdenken, so dass er gegen Ende seiner Amtszeit zum Monarchen aller Deutschen wurde. So wurde sein 90. Geburtstag weit im Reich verbreitet gefeiert, wie auch vom Akademischen Gesangverein München am 9. März 1887 mit einer Festkneipe (Abb. 1).

Abb. 2: The Graphic, 2. April 1887, S. 340: „The Celebration of the Ninetieth Birthday of the Emperor of Germany. Procession of Delegates from all the German Universities.”

Sogar die britische Zeitschrift «The Graphic» berichtete in ihrer Ausgabe vom 2. April 1887 mit einer Illustration (Abb. 2) und einem Kommentar von den Berliner Feierlichkeiten zu diesem Geburtstag, zu denen aus dem ganzen Reiche Chargierte angereist waren: „Monday […] evening […] The Emperor had been entertaining some of his guests at dinner; and scarcely was the banquet over, the Times correspondent tells us, than they had to ascend to the balcony floor of the Palace to receive the fiery homage of the ardent youths of the Fatherland, comprising the stu­dents of the University, and of the various technical High Schools, as well as of the Academies of Art and of Music, not only of the capital, but through­out the Empire. For half an hour the long column of torch-bearers formed up like a coiled serpent in front of the Palace; and, when all had as­sem­bled, the burst forth, ac­compa­nied by their mas­sed bands, with the „Hail to Thee, with Victory Crow­ned”, which has become the National Anthem of the Germans. The Emperor bowed his acknowledgments from a window, and the stu­dents then filed off up the Linden […].” Über einen anschließenden Kommers berichtete der Korrespon­dent nicht, es darf aber angenommen werden, dass es einen gegeben haben dürfte. Die post­hume Centenar­feier auf Wilhelm I. wurde im Jahre 1897 von praktisch allen Kor­porationen feierlich be­gangen.[3]

Abb. 3: Liederheft zum Kaiserkommers der Karlsruher Studentenschaft vom 25. Januar.

Anders  verhielt  es sich bei Wilhelm II., der forsch   ans  Werk ging und für Deutschland seinen Platz an der Sonne forderte und suchte. Darüber hinaus war er um einen Ausgleich mit seinen katholischen Untertanen bemüht, wollte er doch Kaiser aller Deutschen sein. Dies zeigte er deutlich im Akademischen Kul­turkampf, als er am 13. März 1905 in Eisenach ausdrücklich Toleranz ge­genüber Andersdenkenden anmahnte und so diese Auseinan­dersetzung de facto zu einem Sturm im Wasser­glas werden ließ.

Die Organisation eines Kaiserkommerses

Der Kaiserkommers wurde entweder wie in Karlsruhe von der gesamten Studentenschaft organisiert (Abb. 3) oder getrennt wie in Bonn und anderen Universitätsstädten, wo schlagende und nichtschlagend katholische Korporationen seit den Tagen des Akademischen Kulturkampfes eine Zusammenarbeit ablehnten.[4] Beredtes Zeugnis davon legen die beiden Liederhefte aus Bonn zu den Kaiserkommersen des Jahres 1910 ab, denn der Kommers der Studentenschaft fand am 26. (Abb. 4) und jener der katholischen Korporationen am 28. Januar statt (Abb. 5).

Abb. 4: Liederheft zum Kaiserkommers der Bonner Studenten, 26. Januar 1910.

Interessant sind die unterschiedlichen Reden auf beiden Kommersen: bei der Studentenschaft gab es zuerst die Kaiser-, dann eine Arndt-, ge­folgt von einer Gäste- und zuletzt die Damen­rede. In früheren Jahren gab es auf dem Kom­mers der Studenten­schaft auch eine Bis­marckrede, die meist der Anstoß für das Ab­seits­stehen der katholi­schen Korporationen war. Mög­licherweise wurde diese patriotische An­sprache später  durch  die  Rede  auf Ernst  Moritz  Arndt ersetzt.  Bei  den  katholischen Korporationen begann man mit einer Begrüßungs- und einer Kaiserrede, später folgten eine Professoren- und schließlich ebenfalls eine Damen­rede. Bereits im Verlauf des Jahres darauf kam es unter der Ver­mittlung des Rektors und international bekannten Völkerrecht­lers Philipp Zorn zum Zusammenschluss aller Gruppierungen – neben den beiden erwähnten traten noch die Finkenschaft und die Da­menverbindungen – zu einer alle Gruppen umfassenden studen­ti­schen Vertretung, so dass die geteilten Kaiserkommerse in Bonn ab 1912 Geschichte waren.[5]

Abb. 5: Liederheft zum Kaiserkommers der katholischen Korporationen Bonns vom 28. Januar 1910.

Dass es auch anders ging, bewiesen die reichsdeutschen Kor­porationen im schweizerischen Fribourg, wo seit 1898 der Kommers gemeinsam organisiert wurde, wobei es üblich war, dass die alternierend präsi­dierende Korporation je einen Vertre­ter der übrigen Korpora­tionen sowie zwei reichsdeutsche Profes­soren einlud, die dann gemeinsam die Kaiserkommers-Kommis­sion bildeten. Für die Durchführung des Kommerses wurden diverse Utensilien benötigt. Dazu gehörten eine Kaiserbüste, Lieder- und Programmhefte, Schläger, Schär­pen, Barette, Schleifen, Dekora­tionstücher in den Farben des Deutschen Reiches Schwarz, Weiß und Rot, dazu Fähnchen und Couleur­karten; Bierzeitungen wurden eigens hergestellt. Aus Fribourg überliefert ist zudem noch ein Protokollbuch der Kaiserkommers-Kommission mit Budgets, Rechenschaftsberichten und Sitzungsprotokollen.[6]

Abb. 6: Couleurkarte einer Oberprima aus dem Jahre 1903 als Beispiel der Kaiserfeierlichkeiten an staatlichen Gymnasien.

Memorabilia

Der Versand von Couleur­karten gehörte zumindest bis vor kur­zem noch zu einem Kommers und damit selbst­verständlich damals, in wilhelminischer Zeit, auch zu einem Kaiser­kommers, wobei es diese Karten in durchaus unterschiedlich­en Varianten gab:

  • Eigens für den Anlass gestaltete und mit dem Datum versehene und gedruckte (Abb. 6 bis 9)
  • Ganz allgemein nur mit Titel und einem dazu passenden Bild ohne Datum  gedruckte  (Abb. 10  und  11), so dass sie in den Jahren darauf wiederverwendbar waren,
  • Auf bereits existie­renden und meist nicht zu einem  speziellen Anlaß gedruck­ten Couleurkarten wurden Grüße von einer Kaiser­knei­pe oder von einem Kaiserkommers ver­sandt (Abb. 12 und 13).
Abb. 7: Erinnerungskarte der Einjährig-Freiwilligen in der Königlich Sächsischen Armee aus dem Jahre 1913 als Beispiel für die Kaiserkommerstradition in der Armee.
Abb. 8: Couleurkarte der Anhaltinischen Bauschule in Zerbst aus dem Jahre 1910. Auch die Technikerschulen kannten Kaiserkommerse.
Abb. 9: Couleurkarte der Darmstädter Studentenschaft vom 31. Januar 1910.
Abb. 10: Couleurkarte des Studentenverbandes an der Königl. Technischen Hochschule Charlottenburg zum Kaiserkommers, abgestempelt am 23. Januar 1914.

Neben den Couleurkarten gab es verschiedene Broschüren, wobei die wichtigste das Lie­derheft war. Diese benötigte man zum meist auswärts statt­findenden Kaiserkommers un­bedingt, denn dieser war mei­sten eine interkorporative Ver­anstaltung, so dass Kommers- oder Liederbücher eines Bun­des oder Verbandes nicht ge­eignet waren. Diese Liederhefte waren  mal  mehr,  mal weniger prunkvoll  gestaltet  und  beinhalteten in aller Regel auch das Abendprogramm. Typische Beispiele dafür sind das ein­gangs abgebil­dete Heft des Akademischen Gesangvereins Mün­chen (Abb. 1), die beiden Bonner aus dem Jahre 1910 (Abb. 3, 4) oder schließ­lich jenes für den „Festkommers zur Feier des Ge­burtstages S. M. des Kaisers Wilhelm II. veranstaltet von der Allgemeinen Tech­nikerschaft zu Illmenau“ für das Jahr 1911 (Abb. 14). Aber auch der Berliner Ruder-Club, der noch heute sein prachtvolles Haus am Wannsee besitzt und früher eine Ab­teilung namens Sport-Borussia besaß, ließ ein aufwendiges Lie­derheft für seinen Kai­serkommers vom 28. Januar 1911 drucken (Abb. 15) – ohne die­ses Heft wäre heute unbekannt, dass die Kaiser­kommerstradi­tion auch auf diesem Hause gepflegt wurde.

Abb. 11: Erinnerungskarte des Vereins der Justizanwärter beim Land- und Amtsgericht Berlin II ,„Namenlos“, des Vereins Mittlerer Justizbeamten im Kammergerichtsbezirk „Queraus“ sowie des „Justizanwärterverein 1901“ in Berlin zum gemeinsamen Kaiserkommers 26. Januar 1912.
Abb. 12: Couleurkarte des Akademisch Zahnärztlichen Vereins Berlin, beschrieben am 31. Januar 1913: „Von unserer Kaiserkneipe fidele Grüße“, verbunden mit dem Hinweis „Sonntag Vorm. offizieller Couleurbummel U. D. Linden!“
Abb. 13: Couleurkarte des Corps Teutonia Berlin, 28. Januar 1914: „Vom Kaiserkommers des Berliner S. C. meine herzl. Grüße.“
Abb. 14: Broschüre zum Kaiserkommers anlässlich des Geburtstags S. M. Kaiser Wilhelms II., veranstaltet von der Technikerschaft in Ilmenau.
Abb. 15: Berliner Ruder-Club Sport-Borussia produzierte dieses Liederheft zum Kaiserkommers – wohl anlässlich des Geburtstags S. M. – am 28. Januar 1911.
Abb. 16: Die Siegesgöttin wirf einen verwunderten Blick auf das, was in der Bierzeitung zum Kaiserkommers an der Königlichen Baugewerkschule in Buxtehude aus dem Jahre 1913 noch folgen soll (Ausschnitt).

Eine weitere beliebte Broschüre war die Bierzeitung, die auf ei­nem Kaiserkommers verkauft wurde, um die Kasse aufzu­bes­sern und das Publikum zu erheitern (Abb. 16). Und schließlich wurden einige auf dem Kaiserkom­mers gehaltenen Reden auch noch gerne abge­druckt, so dass das Gehörte nochmals nachzulesen war – sei es, weil die Rede besonders interes­sant war (Abb. 17). Sei es, weil sich ob des vielen Bierkonsums viel­leicht nicht jeder daran erin­nern konnte…

Weitere Anlässe für Kaiserkommerse

Kommerse anläßlich des Kaisergeburtstags waren die häu­figsten Gründe für die Durchführung eines Kaiserkommerses, aber bei weitem nicht die einzigen. Daneben fanden sie anlässlich von Besuchen des Kaisers wie beispielsweise jenen in Bonn oder anderenorts statt sowie an Jubiläen zur Thronbesteigung.

Abb. 17: Nachträglich publizierte Rede von Centenarkommers der Turngenossenschaft vom 20. März 1897, Coburg 1897.

Wilhelm II. hatte als Kronprinz in Bonn studiert, seine Söhne sollten es ihm gleichtun. Anlässlich der Immatrikulation des Kronprinzen Friedrich Wilhelm an der Universität Bonn Ende April 1901 fanden gleich drei Kaiserkommerse hinterein­ander statt: Zuerst am 24. April mit der ganzen Studentenschaft (Abb. 18), tags darauf der Kaiserkommers als Antrittskommers des Bonner S. C. (Abb. 20) sowie als Abschluss der Rezeptions­kommers des Kronprinzen vom 26. April, zu dem nur die Ange­hörigen des Corps Borussia auf deren Haus (Abb. 19) zugelassen waren.

Am 18. Juni 1913 beging man an der Universität Berlin das 25jährige Thronjubiläum von Wilhelm II. mit einem Festkom­mers, wofür eigens eine Erinnerungspostkarte und von der Reichspost ein Sonderstempel zum „Kaiser-Kommers“ geschaf­fen wurde (Abb. 21). Kurz zuvor, am 10. Juni, organisierten die Münchner CV-Verbindungen einen Kommers, mit dem sie gleich zwei Jubiläen feierten: das Thronjubiläum und die Jahr­hundertfeier der Völkerschlacht bei Leipzig (Abb. 22).

Abb. 18: Postkarte vom Kaiserkommers am 24. April 1901 in Bonn: „Sende Ihnen herzlichen Gruß u. Schluck vom Kaiser-Kommerse. Eben haben der Kaiser u. Kronprinz geredet.“
AAbb. 19: Postkarte vom Corpshaus der Borussia Bonn (links vorne), gelaufen am 27. Januar 1904 (Kaisergeburtstag). Darauf heisst es: „Heute Abend geht hier von der Kaserne aus ein großer Fackelzug durch die Stadt u. morgen ist große Parade.“
Abb. 20: Lithographie „Von den Bonner Festtagen: Der Kaiser kommandiert auf dem SC-Kommers am 25. April den Salamander auf die Bonner Studentenschaft“.
Abb. 21: Erinnerungskarte mit Sonderstempel der Reichspost zum „Kaiser-Kommers“ vom 18. Juni 1913, als an der Universität Berlin das 25. Thronjubiläum Wilhelms II. mit einem Festkommers begangen wurde. Die Karte war dem Absender wegen seiner Teilnahme offenkundig wichtig: „Hebt die Karte wegen des Stempels auf.“
Abb. 22: Münchner CV-Kommers vom 10. Juni 1913 aus Anlass gleich zweier Jubiläen: 25 Jahre Regentschaft S. M. Wilhelms II. und 100 Jahre Völkerschlacht bei Leipzig.

Kaisergeburtstagsfeiern im Ausland

Feiern zum Geburtstag des Kaisers wurden überall im Deut­schen Reich durchgeführt, aber nicht nur dort, sondern auch durch deutsche Schulen, Gruppen oder Vereine im Ausland – und es waren wichtige Ereignisse. So heißt es in der Chronik der Allgemeinen Deutschen Schule zu Antwerpen für das Schuljahr 1908/09: „Auch auf dem Kaiserkommers des Ver­bandes deut­scher Vereine und bei dem Festessen der deutschen Kolonie war das Lehrerkollegium in seinem deutschen Teile geschlossen ver­treten.“[7] Doch nicht nur im benachbarten Belgien feierte die deutsche Gemeinschaft ihren Landesherrn, sondern auch im Schweizer Fribourg wurde ein Kaiser­kommers ver­anstaltet (Abb. 23). Sogar im guatemaltekischen Cobán, im ge­wiss nicht benach­barten, sondern vielmehr sehr entlegenen Mit­telamerika also, feierte der „Deutsche Verein“ den Geburts­tag Seiner Majestät des Kaisers (Abb. 24).

Abb. 23: Werbeanzeige aus den Freiburger Nachrichten (Schweiz) vom 24. Januar 1911 für den bevorstehenden Kaiserkommers.
Abb. 24: Einladungskarte des Deutschen Vereins in Cobán zu einer Geburtstagsfeier zu Ehren Kaiser Wilhelms II. im Vereinslokal am 27. Januar 1901,

Alternativen zum Kaiserkommers

Wie erwähnt wurde Wilhelms I. vor allem im Südwesten des Reiches sowie und Bayern erst gegen Ende seiner Regentschaft populärer, doch auch dann gab es noch Ressentiments gegen die preußischen Monarchen. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass man die lokalen Fürsten und kirchlichen Würdenträger, zu de­nen man eine engere Bindung hatte, zu feiern bevorzugte. Ganz ähnlich fand auch Wilhelm II. kein ungeteilt positives Echo in den unterschiedlichen Teilen des Reiches. Anstatt eines Kaiser­kommerses feierte beispielsweise der Münchner S. C. in den Jah­ren 1891 und 1906 den in Bayern überaus beliebten bayerischen Prinzregenten Luit­pold mit einem „Prinz-Regenten-Commers“ zu dessen 70. und 85. Ge­burtstag (Abb. 25 und 30).

Abb. 25: Liederheft des Kommerses des Münchner SC. zum 70. Geburtstag des beliebten bayerische Prinzregenten Luitpold am 7. März 1891.
Abb. 26: Couleurkarte zum Königskommers der Königlichen Gewerbe-Akademie (KGA) in Chemnitz, gelaufen am 15. Mai 1914.
Abb. 27: Liederheft der CV-Verbindung Austria Innsbruck für den Kommers anlässlich des 25jährigen Pontifikatsjubiläums Leo XIII. am 12. März 1903.

Ähnlich selbstbewusst waren die Sachsen. In Chemnitz zum Beispiel fei­erte die Königliche Gewerbe-Akademie (KGA) nicht nur regelmäßig den Geburtstag des Kaisers, sondern auch jenen des sächsischen Königs. Aus dem Jahre 1914 ist ein Liederheft für einer aus diesem Anlass veranstalteten Königskommers er­halten (Abb. 26). Wie viele andere katholischen Korporationen im deutschspra­chigen Raum feierte auch die Austria Innsbruck anlässlich des 25jährigen Pontifikats Leos XIII. einen Papstkommers (Abb. 27). Und was den einen der Papst, war den anderen Fürst Bis­marck, zu dessen Ehren reichsweit regelmäßig Kneipen und Kom­merse ausgerichtet wurden. So fand beispielsweise am 27. Fe­bru­ar 1885 in Berlin anlässlich des bevorstehenden 70. Geburts­tages des allgemein im ganzen Deutschen Reich hochverehrten Kanzlers ein Kommers statt, der sogar der Schweizerische Kir­chenzeitung einen Bericht wert war: „In stürmisch applau­dirten Toasten (sic) sprachen Treitschke, von der Goltz, Stöcker etc. gegen Revolu­tion, Materialismus und Atheismus, und fei­erten die ‚beginnen­de Aera sittlich-religiöser Erneuerung des aufsteigenden Ge­schlech­tes, der Monarchie von Gottesgnaden und des Christen­thums in Staats- und Volksleben.’ War in diese Toaste auch Manches ein­geflossen, was den Katholik durchaus nicht sympa­thisch berüh­ren kann: 1.500 Studenten in Berlin, die öffentlich in glänzendem Commers dem Christenthum und einer Staatsord­nung von Gottes Gnaden ihre Huldigung darbringen, sind immerhin ein lichtes Zeichen der Zeit.“[8]

Noch posthum wurde übrigens der Reichskanzler und Corpsstudent Fürst Bismarck regelmäßig gefeiert wie zum Bei­spiel durch die Wis­senschaftlichen Verbindung Sa­xonia Halle an der Saale (Abb. 28),[9] die auch 1910 unverdrossen eine Bismarck-Kneipe feierte. Auf den Untergang des Kaiserreichs folgte die bei weiten Teilen der Bevölkerung ungeliebte Weimarer Republik. Ein Ausdruck, dass man der neuen Staatsform, der Demokratie, feindlich ge­genüberstand, war das Festhalten am Bismarck-Gedenken, aber eben auch an der Tradition des Kaiser­kommersen – der war nun ein politisches Statement (Abb. 29).[10]

Abb. 28: Couleurkarte, beschrieben am 21. Juni 1910 auf der Bismarckkneipe der Wissenschaftlichen Verbindung Saxonia Halle a. d. Saale, heute Turnerschaft Hasso-Saxonia Kaiserslautern: „Herzl. Gruß u. Prost v. d. Bismarckkneipe“.
Abb. 29: Einladung der Deutschnationalen Volkspartei in Braunschweig zum Kaiserkommers vom 27. Januar 1922.

Abb. 30: Couleurkarte zum Kommers des Münchner S. C. anlässlich des 85. Geburtstags des bayerischen Prinzregenten Luitpold am 10. März 1906.

[1]       Vgl. dazu Weber, Peter Johannes, Der Kaiserkommers in Deutschland mit Schwerpunkt auf den katholischen Korporationen, in: Schweizerische Vereini­gung für Studentengeschichte (Hg.), „Nicht reden, machen.“ Festschrift für Peter Platzer v/o Phys zum 65. Geburtstag, Studentica Helvetica, Documenta et Comentarii (künftig: DeC), Bd. 33, Bern 2019, S. 157 – 178.

[2]       Bösch, Frank, Das Zeremoniell der Kaisergeburtstage, in: Biefang, Andreas / Epkenhans, Michael / Tenfelde, Klaus (Hg.): Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1871 – 1918, Beiträge zur Geschichte des Parlamenta­rismus und der politischen Parteien, Bd. 153, Düsseldorf 2008, S. 53 – 76, hier S. 53; zur Tradition der Kaiserkommerse im Deutschen Reich s. Weber (wie Anm. 1).

[3]       Ausführlich s. dazu Weber (wie Anm. 1).

[4]       Ausführlich s. dazu Weber (wie Anm. 1).

[5]       Geppert, Dominik, Kaiser-Kommers und Bismarck-Kult. Bonner Studierende im Kaiserreich, 1871 bis 1914, in: Becker, Thomas (Hg.), Bonna Perl am grünen Rheine: Studieren in Bonn von 1818 bis zur Gegenwart, Göttingen 2013, S. 83 – 103, hier S. 97.

[6]       Ausführlich zum Kaiserkommers in Fribourg s. Weber, Peter Johannes, Die Geschichte des Kaiserkommerses in Fribourg, in: Sigler, Sebastian / Weber, Peter Johannes (Hg.), Die Vorträge der 78. deutschen Studentenhistorikertagung Bonn 2018 zugleich Festschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Dr. med. Robert Develey, Basel, Beiträge zur deutschen Studentengeschichte, Bd. 35 = DeC, Bd. 34, München 2019, S. 115 – 142.

[7]       Allgemeine Deutsche Schule zu Antwerpen, Chronik des Schuljahres 1908/09.

[8]       Schweizerische Kirchen-Zeitung 1885, H. 10, 7. März, S. 73.

[9]       Ausführlich zum Bismarckkult siehe Geppert (wie Anm. 5).

[10]     Der Vortrag hätte statt am 19. in Jena ursprünglich am 20. Ok­tober 2019 auf der Rudelsburg über Bad Kösen gehalten werden sollen. Von dieser sind zwar keine Kaiserkommerse oder -knei­pen über­liefert, dafür aber bereits 1872 ein Ball, und zwar der des König-Wilhelm-Krieger-Vereins, am Geburtstag von Kaiser Wilhelm I. im Kur­saal von Bad Kösen, vgl. dazu: Naumburger Kreisblatt, 22. März 1872; http://www.badkoesen-geschichte.de/index.php/id-1868-bis-1945.html.

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