9. europäische Studentenhistorikertagung, Wien 2021

Es gehört zu den großen, durch die Corona-Pandemie verursachten Verlusten, daß die 9. europäische Studentenhistorikertagung in Wien quasi vollständig virtuell stattfinden mußte. Erst abends, nach dem das virtuelle Werk trefflich gelungen, traf sich ein Häuflein Unentwegter in bester widerständiger Manier, wie sie Korporierten zu eigen ist, um auf die Studentengeschichte, den Österreichischen Verein für Studentengeschichte und dessen Präsidenten, Hofrat Professor Dr. Peter Krause, gebührend anzustoßen.

Immerhin, die Tagung fand statt. Und sie wäre wahrlich die Reise in die Kaiserstadt an den Gestaden der Donau wert gewesen! Umso wichtiger, daß es eine Dokuentation dieser Tagung gibt, die in Form eines Din-A-4-Skripts erschien, 94 Seiten aufweist und der guten Ordnung halber sowie aufgrund ihres wahrlich gewichtigen Inhalts hier und nachfolgend als Tagungsband tituliert wird. Bilder, um das auch gleich zu sagen, sucht der Leser vergeblich, umso vertrauter ist allen, die je wissenschaftliche Arbeiten an ihrem jedeiligen Lehrstuhl abgaben, die Form der Bindung. Sie könnte nicht akdemischer sein, stammt erkennbar aus einem Copyshop, erfüllt aber im praktischen Sinne ihren Zweck vollauf. Und darum geht es.

Leider nur eine leichte Broschur, aber inhaltlich mehr als lohnend: der Tagungsband aus Wien

Im broschierten Tagungsband wird der Verlauf der Tagung getreulich nachgezeichnet. Quasi unbemerkt blieb bei der online versammelten Zuhörerschaft, daß bedingt durch die Nebenfolgen der Corona-Maßnahmen, ein Referent fehlte. Den ersten Vortrag hatte demzufolge Dr. Gregor Gatscher-Riedl. Er erklärte höchst fundiert die Genese der jüdischen Korporationen und ordnete sie als eine von zwei aus Österreich stammenden, bedeutenden Richtungen innerhalb des wahrlich umfassenden Kosmos der Korporationen ein. Deren zweite wird durch das legitimistische Korporationswesen geprägt, also die auch nach der Abdankung der Habsburger unbeirrt und unbeugsam kaisertreuen Verbindungen, von den im übrigen einige wenige bis in unsere Tage einen Aktivenbetrieb unterhalten. Ein exzellenter Überblick über ein Thema, zu dem der Vortragende zuvor bereits mit großem Erfolg in einem angesehenen Verlag unter dem Titel „Von Habsburg zu Herzl“ publiziert hatte. Wir berichteten ausführlich darüber. Weil der Vortrag im Grunde eine Erläuterung seines wissenschaftlichen Ansprüchen mehr als genügenden Buches war, konnte auf Fußnoten verzichtet werden.

Gleichfalls mit viel Lob für ein bravouröses Werk bedacht war der zweite Referent des virtuellen Tagung, Prof. Raimund Lang. Seine Ausarbeitung unter dem Titel „O alte Herrlichkeit“ folgt dementsprechend. Sie fußt auf der Festschrift mit gleichem Titel, die als Festschrift für den den Vorsitzenden des OeVfStG, Prof. Peter Krause erschienen ist, und ist den vielnfältigen und vielgestaltigen Versen und Versfolgen gewidmet, die sich um das allbekannte Studentenlied „O alte Burschenherrlichkeit“ ranken. Und was Prof. Lang da präsentiert, was er zuvor zutage gefördert hat, das ist wirklich erstaunlich. Buchstäblich in aller Munde muß dieses Lied gewesen sein! Knapp und übersichtlich ist es in diesem Tagungsband nachzulesen.

Sodann folgt der Beitrag eines Neuzugangs auf dem Gebiet der Studentengeschichte, des in Stuttgart lehrenden Landsmannschafter Prof. Dr. Roland Gehrke. Nicht nur spannend, sondern höchst ertragreich sein Thema „Theodor Körner als Kriegssänger und Waffenstudent“. Ein ausgezeichnet ausgearbeitetes Zeitbild der napoleonischen Ära, in dem sehr viel zur Verbreitung der landsmannschaftlichen Idee und zum boden, auf dem das Burschenschaftliche wachsen konnte, er- und geklärt wird. Ausgezeichnet die weiterführenden Hinweise – eine echte wissenschaftliche Bereicherung!

Krach, Krakeele und die unvermeidlichen Folgen: Heidelbergs legendärer Karzer. Bild: Laurascudder / Wikimedia commons Lizenz CCAA3.0

A propos Wissenschaftlichkeit, a propos Bereicherung: Was Dr. Gerhard Berger, Burschenschafter aus Heidelberg, zu studentischen Krawallen zu berichten hat, die seine Alma Mater seit ihrer Gründung 1386 immer wieder erlebte, erfüllt die Anforderungen bei weitem. Bergers Beitrag trägt den Titel „Krach, Krakeele und Krawall“, und er weist über die Stadtmauern Heidelbergs hinaus. Studentenhistoriker wissen, daß die Universität der badischen Landesfürsten aufgrund ihrer Anciennität durch Jahrhunderte eine Vorreiterrolle hatte, doch hier wird das auf wissenschaftlich bestens belegte Weise augenfällig. Sehr bemerkenswert, in welchem Licht die aktuelle Krakeele dasteht, von ’68 bis Klimakrise – wenn sie nur durch die bewährte Brille der Studentengeschichte gesehen wird. Den Revoluzzern der vergangenen Jahrzehnte, in Heidelberg wie an allen anderen mitteleuroäischen Universitäten, kann nur zugerufen werden: Schlagt nach bei Berger – und erkennt Eure erbärmliche Mediokrität! Die waren Revolutionäre, die konnten viel mehr als Ihr, und die Korporierten gehörten traditionell in vorderster Reihe dazu!

Höchst interessant und weit über die Schweiz hinausweisend schließlich der Beitrag des Tierarztes und Schweizer Studentenhistorikers Dr. Jürg Eitel. Mit Sorgfalt und Umsicht, dabei anhand erstklassiger Bildquellen bestens dokumentiert und mit einer Vielzahl von Fußnoten versehen erzählt er quasi die komplette Geschichte der Tiermedizin an den europäischen Hochschulen. Vor allem interessant ist die Geschichte der Emanzipation eines Faches, die hier ablesbar wird.

Klamauk und Parodie, aber vom Feinsten: Szene aus der Bieroper „Die Bürgschaft“. Bild: KÖSTV Nibelungia Wien

Den Abschluß dieses lohnenden Bandes gestaltet Raimund Lang. Nur wenige Sätze genügen, um die gesamte Geschichte der Oper anzureißen und den Kontext herzustellen für das spezielle und am liebsten von korporierten Studenten genutzte Genre der Bieroper. Besonders hilfreich sind diese kurzen Ausführungen, die gleichwohl erschöpfend sind, angesichts der Tatsache, daß ja die in ersönlicher Anwesenheit geplante Bieroper, die die Gastgeber der 9. europäischen Studentenhistorikertagung liebevoll vorbereitet hatten, einem Virus zum Opfer fiel. Darum hat denn auch dieser Band doppelt Gewicht. Unbeschadet seines bescheidenen Äußeren dokumentiert er die Lebendigkeit und wissenschaftliche Qualität der Studentengeschichte in Österreich, die dort im übrigen, wie auch in Deutschland, von gleich mehreren erstklassigen Vereinigungen parallel betrieben wird.

Diesem Band des in Wien ansässigen ÖVfStG jedenfalls ist eine weite Verbreitung zu wünschen. Er ist bemerkenswerterweise im Volltext über die Webseite der ÖVfStG abrufbar. Ebenfalls abrufbar ist die gesamte Tagung zum Nachhören, rund viereinhalb Stunden stdentenhistorische Informationen, quasi ein Hörbuch zur Studentengeschichte. Das ist ein rundum perfekter Service, der reichlich Nutzer finden sollte. Es lohnt sich!

Sebastian Sigler

ÖVfStG (Hrsg.), Die Vorträge der 9. gemeinsamen zugleich 23. österreichischen, 81. deutschen und 27. schweizerischen Studentenhistorikertagung 2021 in Wien, Beiträge zur österreichischen Studentengeschichte – Band 33, Wien 2022, 94 Seiten, ISBN 978-3-903295ö21-8, 15 Euro.

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