Männer, Mythen und Mensuren: ein verunglücktes Collagenpapier

„Männer, Mythen und Mensuren“ – hätte Wolfgang Wippermann als Corpsstudent aus diesem Blickwinkel geschrieben, so hätte es ein schönes wie interessantes und der Zukunft der Corps zugewandtes Buch werden können. Doch mit dem marktschreierischen Titel, der mit einem burschenschaftsfarbigen Korbschläger kombiniert ist, zeigt sich eine bedauerliche Ambivalenz dieses Buches.

Ein groß angelegter Titel, dessen Versprechen kaum zu halten war…

Nicht nur der Vergleich oder die Gegenüberstellung, der Gegensatz oder das Nebeneinander von Corps und Burschenschaft – aus unterschiedlicher gesellschaftspolitischer wie studentischer Entwicklung heraus – zeigt die nicht bewältigte Schwierigkeit einer gemeinsamen Darstellung. Im Folgenden geht es daher um eine etwas anders geartete Rezension. Die andere, schwerwiegendere Ambivalenz liegt in der nicht bewältigten Vermischung von durchaus diskutierbarer historischer Darstellung und Zeitkritik mit dem eigenen, zuweilen durchscheinenden corpsstudentischen oder corpsbrüderlichen Erlebnis, was vermuten lässt, das Wippermann das Corpstudententum in seiner inneren Bedeutung überhaupt nicht verstanden hat. Dies lässt zumindest für Außenstehende, auf eine beschädigte Beziehung zu seinem Corps schließen. Wohlgemerkt, es geht weniger um sachliche Inhalte, als um die ständig durchscheinende Tendenz. Damit wurde das Buch weder ein wissenschaftliches Werk noch ein persönliches Dokument, sondern ein auf bedauerliche Weise verunglücktes Collagenpapier.

Die Geschichte der Verbindungen allgemein und der Corps kann man aus unterschiedlicher Sozialisation und Blickwinkeln oder nach Leibniz aus verschiedenen Perspektiven betrachten  und bewerten. Daher soll auf diesem, trotz aller Fakten, durchaus diskutierbarem Gebiet nicht der Schwerpunkt der Kritik liegen, auch wenn die Bewertung des Kaiserreichs im gängigen „mainstream“ durchaus fragwürdig ist. Hierbei ist es auf der Zeitschiene durchaus nachvollziehbar, dass sich Corps und auch Corpsstudenten nicht immer so aufgeführt haben, wie es ihrer Konstitution nach entsprochen hätte. Sicherlich haben sich, wie viele andere Organisationen, auch die Corps in unterschiedlicher Form nach 1935 unterworfen – doch es ist fast leichtfertig wie einfach, von der heutigen so hohen, vor allem unbeteiligten und rigorosen moralischen Positur die Stäbe zu brechen. Beschämend wie unhistorisch allerdings sind die Aussagen zur „Rühmung“ antidemokratischer und weitergehender Aktivitäten wie auf Seite 99 und insbesondere die Kritik an der Mahn-und Denkmalsehrung gefallener Corpsstudenten am Fuß der Rudelsburg wie auch an den augenscheinlich nicht verstandenen Kameradschaften nach Auflösung des Kösener, letzteres auf Seite 119. Geradezu absurd mutet heute die Feststellung eines nationalistischen Zeitgeistes der Adenauer-Ära an, verbunden mit einer Verharmlosung des Sowjetkommunismus – 1968 feiert fröhliche Urständ.

Ein Schläger, dessen Korb in den Farben Schwarz, Rot und Gold bezogen ist: Burschenschafter sind erfreut, Corpsstudenten eher weniger

Ergänzend hierzu eine Feststellung zu einem durchaus ärgerlichen und unvollständigen Glossar. Nicht nur fehlt ein Hinweis auf die „Verfassung“ der Corps, ihrer Konstitutionen, sondern angeführte Begriffe, wie Band, Convent, Fuchsmajor, ja selbst „Haus“, Landesvater, Leibbursch, Orden, Rezeption oder Zirkel, um nur einige zu nennen, sind fehlerhaft oder zumindest unvollständig oder verkürzt dargestellt. Gerade hier zeigt sich das schon oben angemahnte Unverständnis des Autors. Noch ärgerlicher mutet eine Darstellung an, mit der die Begriffe „Landesvater“ und „Hundsfott“ in einen Bezug zueinander gesetzt werden. Ersterer war die Bestätigung des Freundschaftsbundes in Verbindung mit der Ehrung des Landesherren als „Universitätsprotektor“, letzterer Begriff stammt dagegen aus dem sprachlichen Grobianismus des späten Mittelalters beziehungsweise der Frühen Neuzeit. „Hundsfott“ war weniger ein allgemein gängiges Schimpfwort, welches auch Luther hätte gebraucht haben können, als die Bezeichnung für einen charakterlich „gemeinen Kerl“.

Von der Gefährlichkeit eines Collagenpapiers

Schwerwiegender jedoch muss die Betrachtung des Corpslebens angesehen werden, die sich mit den Begriffen „Männlichkeitswahn“, Frauenfeindlichkeit“ – man schaue auch hierzu einmal wieder in das Kommersbuch – sowie ständigem „Saufen“ und „Gröhlen“ wie ein „Roter Faden“ durch das Buch zieht. Zugegeben, auch der Verfasser hat manche Kneipe nicht als diszipliniert oder verbindend empfunden, aber Exzesse gab es und gibt es leider auch immer wieder. Und die besondere, letztlich gegenseitig befruchtende Beziehung zwischen Verbindungen und ihrer Universität wird entweder gar nicht oder nur negativ angesprochen. Es hätte jedoch der Darstellung gut angestanden, bewährte und unvergängliche Begriffe, die gerade das Corpsstudententum ausmachen wie Freundschaft, Mut, Treue, Heimat, Vaterlandsliebe, geistige Freiheit und freiwillige Einordnung, Ehre und Ehrung der Frauen oder die prägende Verbindung von Alt und Jung entweder anzuführen oder zumindest gegenüber seinem „Roten Faden“ hervorzuheben. Und die „Brüderlichkeit“ wird zudem in eine fragwürdige „moralische“ Ecke gerückt. Sollte der Autor nie das Kommersbuch in fröhlicher Runde bei gutem Wein oder frischem Bier im Kreise seiner Corpsbrüder in der Hand gehabt haben und nie die Freude am gemeinsamen Lied erlebt haben – dann ist er im wahrsten Sinn des Wortes ein „armer Mensch“ und hat das, was er vielleicht gesucht hat, nicht gefunden. Seine Suche nach dem Corpsstudententum und dessen Betrachtung auch mit den Schwingungen der Seele ist eindeutig zu kurz gekommen.

Ein vorgebliches Gesamtbild aus der negativen Ecke heraus, aus einem eigenwillig interpretierten „pars pro toto“ eine einseitige Darstellung zu vermitteln, lässt die Frage nach dem „cui bono“ aufkommen. Wie gesagt, es geht nicht um einzelne Textstellen, sondern um einen Gesamteindruck; dabei ist die Frage nach dem Corps von Heute und vor allem für Morgen von hoher Brisanz, und diese Frage wurde weder gestellt, noch ungestellt beantwortet.

Ein Fazit: Wohin sind nur die Zeiten, als wir uns an den, weitgehend von Friedrich Hielscher Normanniae Berlin geprägten dreizehn Festschriften des Kösener, als Analyse eigener – corpsstudentischer – Identität, und durchaus in kritischer Nähe wie Distanz erfreuen konnten? Im Übrigen von Wippermann nicht einmal erwähnt. Alles in allem ist dies ein Buch, das so nicht unbedingt hätte geschrieben werden müssen.

Ulrich C. Kleyser

Wolfgang Wippermann, Männer, Mythen und Mensuren – Geschichte der Corps und Burschenschaften, Hamburg 2019, geb. mit SU, 24 Euro; ISBN 978-3-95510-183-1

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