Flucht und Vertreibung in Europa – 2022 so aktuell wie 1945

Die Erste Stellvertretende Regierungssprecherin der Berliner Ampelkoalition, Christiane Hoffmann, hat über die Flucht ihres Vaters geschrieben, der als Neunjähriger aus Schlesien vertrieben wurde. Nur auf den ersten Blick ist es eine Familiengeschichte. Die Autorin legt hier ein Lehrstück über die Geschichte Europas und das Phänomen der Vertreibung von Völkern generell vor, das angesichts des Ukraine-Kriegs beklemmend aktuell ist. Eine Rezension aus der Netzzeitung Tabula Rasa.

Bittet aber, dass Eure Flucht nicht im Winter geschehe.

Matthäus 24, Vers 20
Berührendes Sachbuch: Christiane Hoffmann geht der Geschichte ihres Vaters nach

Christiane, das kleine Mädchen, geboren im Jahre 1967, hatte Angst. Große Angst – vor dem Krieg. Das Wort „Waffenstillstand“ ließ sie nicht schlafen. Russland, der ungeheure Feuerdrache, schien nur zu schlafen. Jederzeit konnte er tödliche Flammen speien, auch auf ihr Haus in Wedel bei Hamburg. Darum schloss sie nachts nie die Tür ihres Kinderzimmers, bestand immer darauf, daß im Haus irgendwo Licht brannte. Kleine Mädchen wie Christiane gibt es heute, im Osten Europas – und ihr Alptraum ist wahrgeworden.

Die Angst, die das kleine Mädchen Christiane hatte, kam nicht aus ihr selbst. Es war übertragene Angst. Ihre Eltern kamen aus dem deutschen Osten, die Mutter aus Ostpreußen, der Vater aus Schlesien. Die Angst war nicht in Worte zu fassen. Und gerade diese Sprachlosigkeit ließ das Mädchen nicht schlafen, obwohl Krieg und Vertreibung weit weg schienen. Denn alles war ohne Worte präsent – das Dorf in Schlesien, die Flucht im bitterkalten Winter 1945, der völlige Verlust des ganzen Lebens in nur einer Stunde.

Der Matrosenanzug. Das heißersehnte Geschenk zum Weihnachtsfest 1944, noch ungetragen. Der Junge dachte immer daran. Der Schmerz über den Verlust wurde größer mit jedem Schritt, den er sich von seinem Zuhause entfernte. Er wurde zum Symbol für das Trauma der Flucht. Und je weniger darüber gesprochen wurde, desto größer wurden die Fragen, die nach der Angst kamen. Wie kam es dann dazu, dass Christiane zuerst beschloss, Russisch zu lernen und dann im damaligen Leningrad zu studieren? Auf Seite 90 ihres Buches schreibt sie: „Ich machte mich auf die Suche, ohne zu wissen, warum und wohin.“ Ihr Buchtitel lautet „Alles, was wir nicht erinnern“, und gedanklich setzt der Rezensent hinzu: „….das müssen wir wieder und wieder erleben.“

Das könnte auch Christiane Hoffmann gedacht haben. Und dann, im Januar 2020, stellte sie sich dem Trauma. Machte sich auf, 550 Kilometer, mitten im Winter. 70 Jahre nach ihrem Vater, der die Flucht als neunjähriges Kind erlebte. Vom polnischen Rózina, dem früheren Rosenthal bei Brieg, mitten in Schlesien, bis zum tschechischen Kržižovatka, früher Klinghart im Egerland, knapp vor der bayerischen Grenze. Damals wie heute der Weg in eine unbekannte Zeit, mit unterschiedlichen Vorzeichen, aber mit erstaunlichen Parallelen. Sowohl, was die Lage in Europa betrifft, als auch, was die Schicksale von Millionen Menschen betrifft, Flüchtlingen heute wie damals. Denn wie 1945 führt die Rote Armee Krieg.

Was das Buch zusätzlich interessant macht, ist die heutige Position der Autorin. Die einstmals kleine Christiane ist seit kurzem Erste Stellvertretende Regierungssprecherin der Bundesregierung in Berlin. Zuvor war sie stellvertretende Leiterin des  Hauptstadtbüros des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, schrieb zwei Jahrzehnte lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, eine zeitlang auch aus Moskau. In politischer Analyse ist sie also geübt. Sehr korrekt beschreibt sie ihr aktuelles Buch: „Es ist zugleich Reisebericht, Familiengeschichte und die Erzählung einer Vater-Tochter-Beziehung. Es schneidet die verschiedenen Erzählstränge und historischen Ebenen ineinander, und bewegt sich dabei an der Grenze zwischen Literatur und Sachbuch.“

Allein ist sie gewandert. Ihr Bericht ist sachlich, fast schon trocken. Die Flucht scheint gerade deswegen greifbar, es sind ja auch lediglich 70 Jahre vergangen – die Wälder sind noch da, die Straßen. An den Gebäuden die Narben des Krieges, auch heute noch. Die Menschen sind traumatisiert, seit damals, über Generationen hinweg. Neutral, ja, unempathisch betrachten viele ihrer Gesprächspartner in Polen und Tschechien die heutigen Deutschen, in denen sie die damaligen Deutschen nicht sehen wollen, nicht sehen können. Vordergründiges Eigeninteresse prägt die Gespräche. Nach Auffassung vieler Menschen, denen Christiane Hoffmann begegnet, wird die EU eindeutig von Deutschland beherrscht. Aber dagegen haben die Menschen nichts, solange genug Geld nach Polen fließt. Viele Milliarden, organisiert durch die Deutschen. Die Menschen in Polen sehen das als selbstverständliche Wiedergutmachung für Greuel, die Polen im Zweiten Weltkrieg angetan wurden. Bei alledem begegnete der Autorin aber sowohl in Polen als auch in Tschechien harten Auseinandersetzungen, die man untereinander untereinander um die Deutungshoheit die Geschichte des 20. Jahrhundert ausficht. Die Russenfeindlichkeit ist allgegenwärtig in Polen, allzu oft auf unklare Weise vermischt mit Judenfeindlichkeit.

Stark sind die Schilderungen des konkreten Erlebens, die dieses Buch bietet. Die Autorin sucht die Nöte der Flucht geradezu, fordert das Erleben des Januar 1945 heraus, geradezu bewusst, provokativ. Als sie in einem heftigen Hagelsturm völlig durchnässt und eisbedeckt in einem Straßengraben kauert, öffnet sich oben, auf der Straße, neben ihr die Tür eines Schulbusses. Der Fahrer hat angehalten hat, weil er die in Not befindliche Autorin Frau durch den dichten Vorhang aus peitschendem Eis gesehen hatte. Doch sie steigt nicht ein: „Konntet ihr damals einen Schulbus nehmen?“ Die Frage richtet sich an den imaginär immer mit ihr wandernden Vaters. Die imaginäre Antwort: „Nein!“ Szenen wie diese drücken die Intensität und Unmittelbarkeit der Sinnsuche aus, die dieses ganze Buch durchzieht.

Diese Reise der Autorin hinter die Fassaden der Traumata ihres Vaters ist dabei auch ein echtes Stück Literatur. „Nachts wache ich auf, und es schmerzt. Ich wache auf in eine große Traurigkeit hinein wie eine dichte, dunkle Wolke. Sie hat Ränder, sie ist nicht endlos. Ich werfe mich hinein in der Hoffnung, ich könnte den Schmerz aufbrauchen, wenn ich mich ihm aussetze, in der Hoffnung, er werde dann verschwinden.“ Derart tiefgründig nimmt Christiane Hoffmann den Leser mit auf ihre 550 km lange Winterreise. Und statt eines Happy-Ends, endlich selbst angekommen sein, setzt das Buch nahtlos fort, was in den Nachkriegsjahren geschah. Geistige Ödnis, wintergrau – das ist das Ziel, bei Christiane Hofmann ebenso wie knapp 200 Jahre zuvor im Liederzyklus, den Franz Schubert vertonte.

Die Gefangenschaft. „Das kann man nicht erzählen“, sagte der Vater. „Das, was er erzählte, war das, was er ertragen kann“, schreibt die Tochter. Auf ihrer Winterreise überfiel sie manchmal „die schreckliche Ahnung: dass dies nur eine Atempause sein könnte, ein kurzer glücklicher Moment in der Geschichte“. Und sie hat ihn notiert, diesen Moment. Denn mit dem Krieg Putin in der Ukraine ist klar, daß ihre Ahnung sie nicht trog. Ihre Winterreise, die am Vorabend der Corona-Krise und des Ukraine-Krieges stattfand, geschah im für lange Zeit letzten glücklichen Moment der europäischen Geschichte. Christiane Hoffmann wusste nicht, was kommt. Aber die Last, die ihr Vater ihr übertragen hatte, gab ihr die Chance hatte, zu erkennen, was da kommen konnte. Und was für die Menschen in der Ukraine in diesen Tagen kommt, im März 2022. Es ist wohl auch dieser bedrückenden Aktualität geschuldet, daß „Alles, was wir nicht erinnern“ für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2022 nominiert wurde.

Eine gute Übersichtskarte im Anhang sowie einige wenige historische Photographien ergänzen die Schilderungen. Doch es bedürfte ihrer fast nicht, denn der Text spricht für sich. Erholsam schlicht, fast schon puristisch ist die Gestaltung des gesamten Bandes. Über dem vierten Kapitel, das lediglich mit der Ziffer „4“ eingeleitet wird, hat die Autorin einen Leitsatz von Joseph Beuys notiert: „Biographie ist mehr als eine rein persönliche Angelegenheit.“ Diesem hohen Anspruch ist die Tochter von Flüchtlingen, das zutiefst angstbesessene Mädchen, die heutige Regierungssprecherin in Berlin mehr als gerecht geworden.

Korbinian Bärwald

Christiane Hoffmann, Alles, was wir nicht erinnern – Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters, Beck-Verlag München 2022, 139x217mm, ISBN 978-3-406-78493-4, 22 Euro. Erhältlich auch als E-Book und Hörbuch, letzteres gelesen von Martina Gedeck.

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